Urgrant

Nicht umsonst kommt er manchmal auf und nicht umsonst sollte man ihn einfach walten lassen, bis er sich von selbst wieder auf den Heimweg macht. Der junge Freund, von dem ich hier spreche, der Kollege, der immer wieder einmal vorbeischaut, der nahezu fromme Geist allzu gluecklicher Tage ist… der Urgrant.

Er kommt und geht wie er will und es gibt ihn schon seit Menschengedenken und wahrscheinlich sogar schon früher. Patrick kennt ihn, ich kenne ihn und wenn diese Endpunkte des Spektrums ihn kennen, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass andere ihn nicht ebenso kennen: den Grant, der immer dann aufkommt, wenn die Lösung des Problems das Problem an Komplexität selbst übersteigt und der von Natur aus faule Mensch sich dennoch der Lösung widmen muss, da er weiss, dass ansonsten das Problem entweder unlösbar wird oder Dimensionen annimmt, die nicht mehr akzeptabel erscheint. Oder so. Der Urgrant kann aber auch einfach so dasein. Er benötigt nämlich einfach keine Einladung, der Urgrant.

Shaoxing Summerschool 2006

Diana

Die Shaoxing Summerschool 2006 ist vorbei. Ich war zwei Monate lang dort, habe etwa fünfzig neue Kollegen kennengelernt, habe mit ihnen fast alles mit- und durchgemacht und habe sogar mehr Zeit mit ihnen verbracht als ich ursprünglich vorhatte. Die diesjährige Summerschool war bei weitem die beste, die es seit Beginn dieser Aktion gegeben hat: Die Organisation in Wien hat gut funktioniert, unsere chinesischen Kollegen waren vorbereitet und haben flexibel auf Sonderwünsche reagiert, das Essen war gut, der Unterricht war dem Niveau wesentlich besser angepasst als bei den letzten beiden Malen, das Kulturprogramm und die Wochenendausflüge haben gefallen, lediglich die Alarmanlage des Hotels und die Sperrzeiten der Gates waren gewöhnungsbedürftig. Aber das sind, im Vergleich zu den letzten beiden Jahren, Kleinigkeiten. Alles in allem waren sowohl Juli als auch August Spitzenkurse!

Und dass dem auch wirklich so war, wird man an den Kontakten ablesen können, die zu dieser Zeit geknüpft wurden. Ich bin mir sicher, dass ein paar Kollegen noch öfter nach China kommen werden, nicht nur wegen sprachlicher Erfordernisse. Und nicht nur, aber auch dafür, wurde auf flickr eine Shaoxing Summerschool-Gruppe eingerichtet, die für alle Mitglieder der Summerschool – jeden Jahres! – offen ist.

Widrigkeiten am Ende der Gasse

The pair of scissors

Während meiner Wanderungen durch die Gassen und durch die Altstadt von Shaoxing, kam es öfter vor, dass ich alltäglichen Grausamkeiten, egal nun, ob zwischen Mensch und Mensch, Tier und Tier oder zwischen Mensch und Tier völlig unerwartet begegnete. Sicherlich ist man irgendwie drauf gefasst, dass jetzt gleich Schlimmes geschehen wird, wenn zwei Rüden aufeinander losgehen oder zwei junge Chinesen mit Steinen in der Faust aufeinander zu schießen beginnen, aber eher still läuft es ab, wenn Menschen Tieren wehtun.

Ich wanderte also durch die Altstadt von Shaoxing und fotografierte, folgte einigen älteren Damen durch die verwinkelten Straßen hindurch wo auch immer hin und ließ mich vom Geschehen in der Stadt einfach treiben, bis ich in einer Nebenstraße (nämlich der oben im Bild) eine für mich ein wenig merkwürdige Szene sah. Da standen zwei Frauen an einem Waschbecken mit aufgedrehtem Wasserhahn und während die eine nur redete, arbeitete die andere an irgendwas, das sich… bewegte! Ich schoss das Foto, ging dann allerdings näher ran, um zu sehen, was hier vonstatten ging. Und es war grausam, was ich sah.

Offenbar bereitete die Frau gerade das Abendessen zu. Viel mehr, sie bereitete es nicht zu, sondern sie bereitete es vor, denn was sie da aus einem Plastiksack holte, waren lebendige Frösche, die sie erst in einen kochfertigen Zustand überführen musste. Jetzt denkt man als Westler natürlich, na klar, da schlägt sie dem Tier mit irgendwas auf den Kopf, danach schneidet sie es und das war’s – dem war jedoch nicht so. Sie öffnete also den Sack und holte einen Frosch nach dem anderen heraus, wusch das noch lebendige Tier, nahm dann die Schere, die dort lag und schnitt dem Tier bei lebendigem Leibe die Beine ab. Der Froschkörper begann zu zucken und lediglich an dem, was bei uns Arme sind, konnte man erkennen, dass er flüchten wollte, doch der Griff der Frau war fest. Das Waschbecken füllte sich mit Blut, das teilweise aus dem Körper floss und teilweise spritzte. In der Zwischenzeit wusch die Frau die beiden Beine des Tieres und legte sie zu den anderen Beinen in den Topf. Durch das Zucken des Frosches mit den Armen, bewegte sich das, was vom Tier noch übrig war im Waschbecken, woraufhin die Frau die beiden Arme abschnitt, damit sie nun in Ruhe die Beine wieder aus dem Topf holen und das letztlich begehrte Fleisch – die Schenkel nämlich – herausschneiden konnte.

Ich wünsche niemandem, der sowas nicht gewöhnt ist, mitansehen – und vor allem: hören! – zu müssen, wie “der Rest” eines Tieres im Waschbecken vergeht.

Die Schenkel waren nun vom Rest des Beines getrennt und die Arme waren entfernt worden. Doch offenbar gab es noch irgendwelche Teile des Tieres, die man essen konnte: Die Frau rückte den Körper des Tieres in die Mitte und presste mit beiden Händen das Blut heraus. (Auf die Spitze bringt es die Tatsache, dass diese Bewegung bei einem Menschen die Art und Weise darstellt, wie man Herzmassage betreibt!) Es quoll noch ein wenig Blut aus den vier Öffnungen und das Maul des Frosches stand offen, doch die Augen bewegten sich noch! Und sie schnitt ihm den Körper in zwei Hälften, nahm das Fleisch, wusch es ab, warf es in den Topf und den Rest des Tieres in den Mülleimer.

Eindrücke aus Shaoxing und Xi’an

Diese Galerie enthält 10 Fotos.

Was es zu Shaoxing zu berichten gab, habe ich berichtet, über Xi’an gibt es weit weniger Einträge. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sich die Stadt Xi’an, und dort besonders die Terrakotta-Armee als Enttäuschung entpuppt haben. Xi’an ist eine verschmutzte und wenig spektakuläre chinesische Stadt, deren Attraktivität mit der von St. Pölten zu vergleichen ist. Die [...]

Von Lanting nach Shaoxing

Aus einer Idee wurde ein Plan und aus dem Plan Realität. Wir sind von Lan Ting nach Shaoxing gegangen (Ja! Zu Fuß!), ohne dabei die vom transportierenden Schwerverkehr verdreckte Schnellstraße zu benützen, sondern den praktisch verkehrslosen Weg durch die teils malerische Hügellandschaft. Und es war, um es mit Nimbus zu sagen, gut.

Mit dem öffentlichen Bus ging es von Shaoxing nach Lan Ting, dort dann auf direktem Heimweg durch die Pampa, also an Kleinstdörfern mit Propagandalautsprechern (voll funktionsfähig, siehe Video) an den Strommasten (mäßig funktionsfähig) vorbei, am Grab von King Yues Vater (geschlossen, erst im August betreten!) vorbei, durch weitere Dörfer hindurch bishin zu dem Punkt, an dem es nicht mehr vermeidbar war, die laute und schmutzige Straße zu nehmen. Dort ins Taxi und ab nach Hause.

Das Lu Xun Museum

http://www.flickr.com/photos/michaeeel/190674092/

Lu Xun

Ähnlich wie Thomas Bernhard in Österreich wird auch Lu Xun (oder Lu Hsün) in China verehrt: Einerseits könnte sich der stolze Chinese andauernd über den Verriss seiner Gesellschaft durch den Autor aufregen, andererseits hat es kaum einer so gut getroffen, so gut auf den Punkt gebracht und sich so wenig um die Folgen seines Tuns im Moment des Schreibens geschert. Lu Xun zu lesen heißt sich mit dem Nationalcharacter der Chinesen, quasi dem Chinesentum an sich in seiner vollen Bandbreite von Auswüchsen, auseinanderzusetzen. Obwohl Lu Xun stets das Individuum dem Kollektiv vorgezogen hat, hat ihn Mao Tse Tung als bedeutenden Anführer der Kulturrevolution genannt und viele Autoren fühlten sich durch seine Werke dazu bewegt, die kommunistische Bewegung zu unterstützen. Lu Xun selbst trat nie der KP bei.

Das Museum

Wie die meisten Museen in China ist auch das Lu Xun Museum in Shaoxing eine langweilige Ansammlung von Häusern, in denen der Meister dies und das getan haben soll, von Gebetsstellen, in denen er in diesem und jenem Moment dies und das gebetet haben soll und natürlich von Lokalen, die genau das kochen, was er am liebsten gegessen hat. Durchzogen wird das Museum von einem zum Zeitpunkt meines Besuches stinkenden Kanal, auf dem man auf einem kleinen Boot eine Rundfahrt machen kann.

Beim Haupteingang des Museums herrscht reger Verkehr und Busse voller (chinesischer) Touristen entladen sich, die Gruppe fetzt durchs Museum, steigt wieder in den Bus ein und verschwindet zum East Lake. Wie sieht es aber nun im Museum aus?

Nun, es ist ein Freilichtmuseum, das einen Häuserkomplex beinhaltet, durchzogen von einer Art Hauptstraße (die tatsächlich vom Verkehr als Straße genutzt wird), auf der man allerlei Souvenirs und billigen Ramsch kaufen kann. Natürlich gibt es dort auch – wie auf nahezu jeder Straße in Shaoxing – getrocknete Pilze zu kaufen, getrocknete Fische, getrocknete Schweinsohren und überhaupt noch ein paar andere lukullische Herausforderungen.

Seit kurzem erst gibt es ein ins Museum gebautes neues Gebäude, das ein wenig interessanter ist als die Ansammlung von Anekdoten aus dem Leben des Schriftstellers: Hier wird die Wirkung von Lu Xuns Werk näher untersucht. Besonders interessant war hier zu sehen, dass Lu Xuns Werke ziemlich rasch ins Deutsche übersetzt wurden; zwei Exemplare dieser Übersetzungen sind auch in dem neuen Museum zu sehen. Falls jemand darüber etwas herausfindet, wäre ich für einen Kommentar hier sehr dankbar!

Empfehlung?

Nun ja. Empfehlen kann man das Museum demjenigen, der noch nie in einem chinesischen Museum war, schon, allerdings nur, damit er oder sie feststellen kann und es einmal gesehen hat, was so ein Museum ist und wie sehr man Wissensvermittlung verhunzen kann. Wer sich tatsächlich für Lu Xun und sein Werk interessiert, wird mit diesem Museum wenig Freude haben, denn die Gabe der Vermittlung von Wissen ist diesem Museum nicht eigen. Da ist es schon eher ratsam, den Xinhua-Bookstore gleich ums Eck aufzusuchen, sich dort die deutsche Übersetzung der Kurzgeschichten um knapp zwei Euro zu kaufen und diese im nahegelegenen Teehaus in aller Ruhe zu lesen.

Adresse

Lu Xun Museum Shaoxing
393 Lu Xun Middle Road, Shaoxing 312000, China

Ankunft in Lanting

Lan Ting Campus

Ich bin heute mit einem Trupp von Kollegen der Shaoxing Summer School in Lanting angekommen und bin somit wieder in China. Der neue Prestigecampus in Lanting, den wir “austesten” sollen, ist definitiv zu einem einzigen Zweck aufgebaut worden: um zu lernen und zu studieren. Sowas wie Studentenleben kann es hier einfach nicht geben, weil man auf einer Insel des Wissens hockt, die von der Außenwelt abgetrennt ist. (Google Maps beweisen das!) Das heißt also: kein Kontakt zur Außenwelt (außer durch das in jedem Zimmer vorhandene Internet), kein Einkaufen (das nächste Geschäft ist in Shaoxing, etwa 15 Kilometer vom Campus entfernt), kein Nachtleben (denn der Campus sperrt um 23:00 Uhr seine Tore) und keinerlei geplante oder geförderte Kontakte der Studenten untereinander durch das totale Fehlen von Räumlichkeiten, die sozialen Kontakten förderlich sein könnten. Es gibt zwar einen behelfsmäßig eingerichteten Tischtennisraum (an der Tür stand “Konferenzraum 3″ und die an den Rändern des Raumes aufgetürmten Büromöbel bewiesen das), einen behelfsmäßig eingerichteten Festsaal (an der Tür stand “Konferenzsaal 1″ und die Mikrofonsammlung galt Sprechern) und eine Mensa (mehr eine Art Restaurant), in der die Tische in einzelnen Räumen standen und nur durch das Öffnen der Zwischenwände (aus Stoff, Vorhängen ähnlich), wurde ein großer Raum geschaffen. Kurzum: Wer dahin will und willens ist, in Sozialaskese zu studieren, der wird ein Paradies vorfinden. Wer hin und wieder das Bedürfnis nach aktivem Sprechen hat, möge den Campus mit Vorsicht genießen. Der Ort, der geographische, ist allerdings fantastisch gewählt: die Natur hält, was der Campusfolder verspricht!

In die näheste Stadt – Shaoxing – kommt man mit dem Bus in etwa einer halben Stunde, zu Fuß geht’s auch, da dauert es allerdings knappe drei Stunden.

Entfernt

Shaoxing Ende

Der Abschied von unseren Sprech-Partnern fiel einigen nicht leicht. Es war schwer die Studenten in den Bus zu bekommen, noch dazu, wo dieser Herr der Impetus für nächtliche Konversation zwischen mir und Geoffrey war (2:30 Uhr!), doch letztlich hat dann alles irgendwie geklappt. Ich hab auch ein Abschiedsgeschenk bekommen – danke Alva, danke Jane, danke Mary, danke Lucia! – und dann ging’s auch schon nach Shanghai in die Huangpu Lu/Pujiang Hotel. Meine Empfehlung für preiswertes, zentrumsnahes Wohnen in Shanghai, wenn man nicht allzu lange hier bleibt.

Die Fahrt war lange und die Klimaanlage des Busses steht offenbar in ihrer Leistungsfähigkeit in negativer Verbindung mit der Geschwindigkeit. Skandal sowas. Irgendwie und irgendwann erfolgte dann die Ankunft in Shanghai vor dem Pujiang Hotel und die Verabschiedung war eine äußerst kurze und äußerst ruhige. Die Studenten, seid mir alle gegrüßt!, gingen ihres Weges.

Shanghai Anfang

Noch am gleichen Abend haben Oliver, David, Susi und ich die Blue Frog-Bar (217, Maoming Lu) besucht (NB: Trinkst du hundert Shots, wird dein Name an die Wand gemeißelt und dir ist ein Leben lang ein Shot pro Tag gratis sicher!), ich habe mein Quartier bezogen (Ikea-Prospekt lässt grüßen…), meine Assistentin kennengelernt und mich mit einem delikaten Wodka-Martini dem Abend hingegeben.

Auch der Sonntag war noch in vollem Kontakt mit der Viererpartie: Die Nanjing Lu wurde zwei Mal bespeist (Oliver hat doch tatsächlich bei Pizza Hut gegessen, nachdem ihm die Rippen des Huhns im Curryhuhn des B.C.U. Coffee nicht getaugt haben!), Taschen wurden eingekauft, Susi und Roland sind jetzt stolze Besitzer einer Dimage x60 und David wird sicherlich einen Sonnenbrand davontragen; zumindest gehe ich mal davon aus. Sie alle schlafen jetzt im Zug nach Peking und wahrscheinlich wird man bei David über das Schicksal dieser Gruppe weiterlesen können.

Bei mir hier geht’s ab sofort wieder mit dem normalen Programm weiter und es war mir ein Volksfest.

Farewell-Party

Jane kontaktiert mich gegen 15:00 Uhr und teilt mir mit, dass die Rede, die ich eigentlich als kabarettistische Programmeinlage geplant hatte, ein offizielle werden sollte, die ich, als Vertretung für die Uni Wien, halten sollte. Einverständnis meinerseits. Einstampfung des “alten” Texts, Schreibung des neuen. Daniel durfte die Studenten vertreten. Er hat seine Rede allerdings erst während der Party geschrieben… Dennoch, beide Reden, die zwei Reden von der chinesischen Seite folgten, waren ein Erfolg, beide werden in der Campuszeitung veröffentlicht und dem Direktor vorgelegt – als Zeichen der intensiven organisatorischen Zusammenarbeit zwischen dem lokalen Vertreter der Uni Wien, mir, und den chinesischen Kollegen aus dem International Office. Ein Hoch auf die Presse!

Gegen Ende

Gegen Ende gibt es immer einige, die schon früher gehen, einige, die es dem Rest noch reindrücken müssen und einige, die der Zeit schon im Vorhinein nachtrauern. Nicht ganz so krass gruppiert, aber nicht unähnlich, läuft es auch jetzt am Campus ab. Die chinesischen Partner lechzen schon nach den Fahrrädern, die sich einige gekauft haben, die verschiedenen Gruppen treffen sich zusammen, um sich gemeinsamen Abenden hinzugeben und der eine oder andere Student geht den Weg des Gipfelstürmers – im Großen und Ganzen das allgegenwärtige Übliche. Nichts ist neu hier in China. Wie es schon Erica treffend formuliert hat:

The people are the same, their characters are the same, the only difference is their bodies.

Und da hat sie eigentlich Recht. Hier herrschen die gleichen Probleme vor, die gleichen Gruppen finden zueinander, die gleichen Verhälnisbeziehungen tauchen immer und immer wieder auf.

Ein paar Wetten wurden aufgenommen, die wohl eigenartigste ist eine, deren Wettmoment in der Geschwindigkeit des Austrinkens einer Fantaflasche liegt. Suum cuique, mein Senf dazu, obwohl ich durchaus am Einsatz beteiligt bin. Chinacampus’sche Blödheiten, aber was soll’s.

Sein Abendessen

Es liegt niemandem fern, auch in China nicht-chinesisch gut zu essen. Ein solches, exquisit, geformt und fast schon kolonialen Standards entsprechend, hat es ihm gestern angetan. Im Dio bestellt man zwar an sich Kaffee, doch er macht bekanntlich keine halben Sachen und ordert einfach nur ein Steak. Ein Steak. Daraus wurde dann das…

Die Fuwuyuan (Kellnerin) brachte einen Aperitif zur genehmen Verkostung für den gesamten Tisch. Es muss eine süße Variante des “Great Wall of China”-Weines gewesen sein, die aber dem anwesenden Publikum durchaus mundete. Anschließend servierte sie ihm eine kardinale Salatmischung, perfekt aufgedeckt mit richtigem Salatbesteck (kennt das noch jemand in Österreich?), gleich im Anschluss eine orientalisch gewürzte Tomatensuppe, angereichert mir rotem Pfeffer, einem Sahnehäubchen und getoastetem Weißbrot; ein leicht angeröstetes Tramezino, wie sich später herausstellen sollte. Nix Toaster: Pfanne! Mit leicht gesalzener Butter! Perfekt mit der Suppe harmonierend.

Im Aschluss wurde die Hauptspeise serviert. Es war nicht das Pfeffersteak, das man als Europäer erwartet, es waren gegrillte Fleischstückchen auf einem Spieß, die hier als Pfeffersteak durchgingen, aber… aber (!) das Fleisch war butterweich, perfekt gewürzt, mit einem Hauch, nein, der berühmten Idee Chrysantheme (hier in China parfümiert man gerne) auf mit ein wenig Käse überbackenen, hausgemachten Pommes Frittes, Gemüsevariationen und einem – der Amerikafaktor – Spiegelei. Über der Komposition eine dunkelbraune Pfeffersauce. Nicht zu kräftig, dennoch würzig, sämig und dezent nach schwarzem Pfeffer duftend. Dazu wurde eine Flasche “Great Wall of China”-Wein serviert, diesmal jedoch nicht süß, fruchtig und leicht, sondern trocken und kräftig, passend zum Steak. Ihm hat’s gefallen. Definitiv. Mir auch; allein das Zuschauen.

Als Dessert wünschte er sich zwar Herders Haselnussparfait, doch konnte man ihm im Dio damit nicht dienen. Das Banana-Boat jedoch erfreute den Gaumen mit frischen südasiatischen Köstlichkeiten. In kunstvoller Weise wurden hier Lychees, Bananen und viele Früchte mehr, deren Namen mir noch nie untergekommen sind, teilweise mit Honig, teilweise mit anderen süßen Beilagen garniert, zu einem Boot angeordnet, das von der Fuwuyuan präsentiert – und nicht serviert – wurde! Das Dio!

Regen

Ich trete vor den Speisesaal und vor mir eine Wasserwand. Wenn es hier in Shaoxing regnet, dann ordentlich, dann trübt das Wasser den Blick schon auf zwanzig Meter. Die gigantischen Wassermassen, die hier in kürzester Zeit aus den Wolken kommen, erklären, warum die Abflüsse hier so tief und so groß sind. Für die lokale Bevölkerung ist das Wasser ein Segen, denn es hat schon seit über zwei Monaten nicht geregnet. Endlich gelangt der Fluss an seinen üblichen Wasserstand, endlich können schwerbeladene Schiffe wieder passieren; endlich werden die Kohlelieferungen wieder das Kraftwerk erreichen und somit die andauernden Stromausfälle ein Ende haben; endlich werden die vom Sand schmutzigen Straßen gewaschen.

Ich kehre um und die Xiaojies basteln mir aus den billigen Plastiktischdecken eine Regenhaut. Die Hose nass, den Oberkörper trocken, kehre ich ins Hotel zurück und nehme ein Vollbad. Unter glühenden Heizlampen.

Reise nach Hangzhou

Die Abfahrt erfolgt um 8:30 Uhr, nachdem am Vortag lange darüber diskutiert wurde, ob man sie nicht vielleicht um eine halbe Stunde (bzw. eineinhalb Stunden) früher ansetzen sollte. Die Einigung hat sich, dies schon vorweg, nicht als negativ erwiesen: Wir haben die ärgste Hitze beim Mittagessen unter Dach überwunden. Die Gruppe ist müde, aber frohgemut und erwartet Besonderes. Einen Garten sollen wir besichtigen, den See selbst und im Anschluss, auch das wurde gestern ausdiskutiert, einen Seide-Markt. Lucia begleitet uns als Dolmetscherin, alle sind anwesend. Der Busfahrer nimmt sogar, verspätet und im letzten Moment – aber doch, Rücksicht auf plötzlich auftretende dringende Bedürfnisse anwesender Kursteilnehmer. Die Fahrtzeit nach Hangzhou war schon im Vorhinein unberechenbar, letztlich waren es dann eineinhalb Stunden hin und eineinhalb Stunden wieder zurück. 60 Kilometer.

Hangzhou ist eine äußerst lebendige chinesische Großstadt, Hauptstadt der Provinz Zhejiang, bevölkert jedoch vom sowohl chinesischen als auch nicht-chinesischen Tourismus. Wo man nicht hinsieht, kommen einem kleine Touristengrüppchen bishin zu fahnengeführten Touristenkohorten entgegen. Irgendwie erinnert das alles hier an das Treiben vor Schönbrunn…

Der Garten umrundet den West-Lake und setzt sich darauf in Form von Inseln fort. Tausende Menschen sind hier. Japaner, die sich fotografieren lassen, Chinesen, Deutsche, Amerikaner, Engländer, Franzosen, Menschen aus Kanada, aus arabischen Ländern und auffällig viele, die ich als indisch einschätzen würde – der Garten ist Sammelpunkt für Touristen, dennoch nach wie vor sehenswert. Die Gruppe sieht das mit gemischten Gefühlen: Auf der einen Seite hat man das schon geahnt, auf der anderen Seite ist es gerade auch ein gutes Zeichen.

Der See ist zwar bereits im Garten präsent, doch erst eine Bootsfahrt schafft Klarheit über die Besonderheit des Gewässers. Der Ausblick auf Hangzhou in die eine, auf (unberührte) Natur in die andere Richtung beruhigt und die stille Hektik auf dem Boot, das uns von den Gartenanlagen der einen Seite zu den Gartenanlagen der anderen Seite bringt, trägt ihres dazu bei, dass man nicht vergisst, dass man in China ist.

Das Mittagessen war, wie schon das Mittagessen am Tag davor, vom Reiseveranstalter organisiert. Es fand in einer Art Kantine statt und bedarf keines weiteren Kommentars. An dem Tisch, an dem ich saß, wurde fast alles wieder zurückgeschickt: die Meeresfrüchte rochen faulig, das Gemüse war schmutzig und in meinem Reis, normalerweise Garant für die Beseitigung jeglichen Hungergefühls, fand ich Fischgräten. Dass dieser Reiseveranstalter allerdings keine wirklich guten Restaurants in seinem Programm hat, dafür kann die Universität nichts – das habe ich schon mit den hiesigen Verantwortlichen besprochen. Die uns folgende Gruppe sollte diese Probleme nicht mehr haben… Das Abend- und Mittagessen an der Universität selbst, das sei hier erwähnt, hat sich in den letzten Tagen immer mehr vom Guten zum Sehr-Guten gewandelt. Normalerweise waren vier von acht Speisen innert kürzester Zeit aufgegessen, heute waren es sieben!

Ein Tag, der ohne nennenswerte Probleme (Ausnahme: Mittagessen, aber dafür kann die Uni nichts!) anfängt braucht natürlich auch Probleme, die nennenswert sind. Schließlich müssen ja Ying und Yang im Gleichgewicht und wir auf Trab gehalten werden. Bei der Besprechung des Hangzhou-Trips am Vortag habe ich den Verantwortlichen erklärt, dass die Gruppe gerne den Seidenmarkt (die berühmte Seidenstraße in Hangzhou) besuchen will. Man gab mir eindeutig zu verstehen, dass das kein Problem sei. Man wisse, wo diese Straße sei, wir könnten also ohne Schwierigkeiten da hinfahren. Schmeck’s. Der Bus blinkt und biegt in die Einfahrt eines Seidemuseums ab. Raunen der Gruppe. Mehr Raunen. Ich werde in meiner Funktion tätig, interveniere und doch, nach einiger Zeit hat man dann auf chinesischer Seite verstanden, worum es uns geht: Nicht das Interesse für die chinesische Seidekultur leitet uns ins Seidemuseum, sondern der Konsumwille leitet uns in den Seide-Markt! Alles wieder einsteigen, Abfahrt nach Hangzhou-Zentrum, dort zweistündiger Freigang im Seide-Viertel! Einkäufe wurden getätigt, die Gesichter aufgehellt und die Rückfahrt gestaltete sich angenehm müde. Tag Ende.

Zwei Sekunden: Ein Fahrrad in China

Der Händler sieht mich skeptisch an, er steigt jedoch auf mein Angebot ein: Das Fahrrad und die Absperrkette um 210 RMB. Er will noch einmal Luft holen, aber ein Blick auf die Uhr, es ist elf Uhr nachts, lässt ihn einwilligen. Ich habe gerade eben ein Fahrrad samt Absperrkette um knappe 21 EUR gekauft. Das Gefühl, in einer fremden Stadt mit dem eigenen Fahrrad unterwegs zu sein, ist ein eigenes, ein gutes Gefühl. Distanzen verändern sich, Wege sind keine mehr. Der Horizont wird erweitert um nicht nur Wohnblöcke, sondern um ganze Landstriche.

In Shaoxing gibt es auf nahezu jeder Straße eigene Fahrradspuren, auf denen es zwar auch, nicht aber so arg zugeht wie auf der Spur für Autos, Busse, etc. Die ersten Blickkontakte mit chinesischen Radlern, Mopedfahrern und Elektro-Bikern sind von Verwunderung geprägt, nach einiger Zeit jedoch werde ich als einer von ihnen akzeptiert und nicht mehr nur Duldung, sondern Neutralität oder gar Freundlichkeit werden mir entgegengebracht. Man nickt mir lächelnd zu und kleine Kinder, die auf den Lenkstangen der Fahrräder ihrer Eltern sitzen, winken, rufen in chenglisch “hallou!” und kichern vor sich hin.

Die Klingel ist ein essentieller Bestandteil des Fahrrads und das Klingeln ein wichtiges Element der chinesischen Radfahrmentalität. Wer nicht klingelt, wird übersehen — von Autos, Bussen, LKWs, Fußgängern, Polizisten, etc. Klingelt man jedoch einmal, so wirkt es zumindest so, als ob für ein, zwei Sekunden niemand grob seine Spur ändern würde, niemand plötzliche Bewegungen einleitet, alles irgendwie für kurze Zeit berechenbar wird. Zum Überholen, Vorbeifahren oder Abbremsen hat man maximal zwei Sekunden Zeit, bevor der Taumel unüberblickbaren und daher unvorhersehbaren Tuns weitergeht. Zwei Sekunden, in denen sich zwar alles bewegt, aber nichts geschieht. Dann: Ein Taxi hupt, dahinter versucht ein anderes zu überholen während ein LKW die Kreuzung überqueren will; der LKW macht eine Vollbremsung, weil gerade ein Fußgänger nicht rechtzeitig genug aus dem Fahrbereich verschwunden ist, da er von einem Rikschafahrer blockiert wird. Ein Polizist pfeift irgendwo und brüllt anschließend irgendwen an. Die Ampel wechselt auf Rot und die Zähluhr (in Shaoxing weiß man genau, wieviele Sekunden man nun auf einen Farbwechsel der Ampel warten muss) beginnt zu zählen. Sechzehn Sekunden Wartezeit. Normalerweise. Der LKW rollt ganz langsam vor, bis er die querkommenden Autos so sehr aufhällt, dass der Polizist ihn über die Kreuzung lotsen muss. Orangefarbene Fähnchen wehen im Wind und werden von Hilfspolizisten vergeblich dazu benutzt, den Verkehr zu ordnen. Überall wird gehupt, das Geräusch von quietschenden Bremsen dringt an mein Ohr. Die Radfahrer machen sich für die Abfahrt bereit, die Rikschafahrer ebenso. In den Autos links und rechts neben mir heulen die Motoren auf, der LKW hinterlässt eine dichte, schwarze Rußwolke. Ich trete in die Pedale und fahre zur nächsten Kreuzung. Hinter mir klingelt jemand.

Teehaus, 19:30 Uhr

Die Xiaojie bittet uns herein, führt uns an zwei Dutzend mit Köstlichkeiten gefüllten Gefäßen vorbei in den ersten Stock des Vollholzbaus und bittet uns im Raum Platz zu nehmen. Die Gruppe setzt sich und nimmt die Teekarte entgegen. Es gibt eine englischsprachige Karte. Eine, wohlgemerkt. Irgendwann ist die Bestellung erfolgt. Eine Kollegin bestellt Oolong-Tee. Dieser wird von der Xiaojie in einer Zeremonie vor Publikum zubereitet, dann erst zum Genuss ausgegeben. Offenbar schmeckt er. Äußerst gut sogar. Mein King-Jasmin-Tee schmeckt nach dem achten Aufguss vorzüglich und so manch anderer Tee entwickelt nach mehreren Aufgüssen – entgegen unserer Erwartungen – Aromen, die mehrere zu durchaus philosophischen Auseinandersetzungen mit dem Thema Tee anregen. Es gefällt der Gruppe. Die Stimmung konvertiert aus dem Kaffee- ins Teehaus.

Hunger kommt auf und Abhilfe folgt. Wir sprechen hier nicht (nur) von Vorspeisen, Süßigkeiten, gekochten, dann gebratenen Fisch-Backbones, in Schokolade und Honig getränkten oder gerösteten Erdnüssen, Miniwackelpuddings in verschiedenen Geschmäckern, getrocknetem Bambus in verschiedenen Ausführungen, Lychees, süßen Tomaten, diversen Reisspeisen (süß, salzig, pikant und mild), Weintrauben, Bananen, Maulbeeren, Mandeln, getrockneten Ananas, Wasser- und Honigmelonen, Lotus, Sonnenblumenkernen, Haselnüssen, Äpfeln, getrockneten Äpfeln, Pfirsich- und Marillenstückchen, sondern auch von hungerstillenden Miantiaor verschieden zubereitet, Teigtaschen mit süßer, saurer oder pikanter Füllung, wahlweise mit Fleisch oder Gemüse gefüllt, gedünstet, gekocht, in der Suppe oder gebraten (Jiaozi, Baozi und Mantou lassen grüßen!), Frühlingsrollen (!), Fisch, Krebse, Shrimps, Suppen (ebenso in süßer oder pikanter Zubereitung) – und all das gratis zum Tee!

Ein wenig später erscheinen Jane, Geoffrey und Harry (ihres Zeichens die Laoshis bzw. Organisatoren dieser Tour) und helfen nicht nur bei der Speisenauswahl, sondern geben zu den gewählten Speisen sogar Erläuterungen und (teilweise sogar dringend nötige) praktische Esshilfetipps ab. Ich sitze an ihrem Tisch und werde beim Teetrinken, Lycheeessen, Miantiaor-Schlürfen und Nussknacken gefilmt. Komödie? Tragödie? Abenteuerfilm oder Drama? Es wird sich weisen.

Expert-Building, 6:55 Uhr

Ein Skandal. Erwachen ohne von der Sonne geblendet zu werden. Frühstück ohne Probleme. Verdauung in Ordnung. Sogar das Wasser schmeckt nur halb-faul. Es ist heiß und feucht hier in Shaoxing. Die Gruppe leicht gereizt, was sich im Laufe des Tages noch auswirken wird: das Essen wird zur Zumutung, das Ausloggen am Rechner während ein E-Mail geschrieben wird zum berechtigten Grund die Tastatur zu vernichten.

Der Parteienverkehr in den Konferenzräumlichkeiten muss minimiert werden. Der erste Antrag des heutigen Tages hat das Freiheits-Package der Studenten zum Thema: Sind sie versichert? Ist mir klar, dass die Universität keine Haftung übernimmt, falls etwas passiert? Weiß ich, dass gestern in der Nacht noch eine Gruppe in Richtung Stadtzentrum marschiert ist? – Antrag wegen Unklarheit (oder Sowieso-Klarheit) abgelehnt. Nächster Antrag: Modifikation des Stundenplans. Aus eineinhalb Stunden Internet sollen zweieinhalb Stunden gemacht werden. Genehmigt. Verschieben des Parkbesuchs um eine Stunde (dritter Antrag). Genehmigt. Abänderung des Servicemodus beim Mittagessen (vier). Genehmigt, probeweise. Antrag auf Klärung der Verfügbarkeit von Versicherungen bei den Teilnehmern. Genehmigt. (…)

Der Vormittag verläuft bis auf obig Genanntes ruhig. Das Mittagessen gestaltet sich aufgrund des neuen Servicemodus als Zumutung. Der Unmut der Gruppe darüber ist zu spüren. Die ersten Teilnehmer sehen kränklich aus. (Anmerkung: Ein Hoch auf Supradyn!) Der Besuch im Computerraum gestaltet sich ebenso als Zumutung an Nerven, Schweißdrüsen und Gewand: Susanne klebt am Sessel (seit wann klebt Schweiß so gut?) und flucht über ihr mieses Mailkonto, das nach der literarischen Leistung (Nachtrag Susanne: Fast eine DIN A4-Seite!) kurzum abgeschmiert ist!

Nachtrag: Susannes Mail wurde abgeschickt. Sie freut sich, Endorphine steigen auf. Sie scrollt am Bildschirm auf und ab, um mir ihr Werk (Opus Susanne!) vorzuführen. Super. Echt.

Für heute: Wahnsinn Ende. Ach ja. Ich hab mir ein Rad gekauft. 21 EUR.

Aber nicht China selbst…

Die Anreise

Der Flug dauerte unangenehm lange: Wien-Frankfurt, vier Stunden Wartezeit (wieviel Kaffee kann ein Mensch eigentlich trinken?), Frankfurt-Shanghai in einem nicht voll besetzten Flugzeug (ergo freundliche Stewardessen), Ankunft in Shanghai ohne Schwierigkeiten mit dem Gepäck, problemloser Empfang durch die Universitätsbelegschaft (natürlich war er auch dabei, weshalb es gleich einmal mit einem “Gen wo lai” zum Bus ging!), Bustransfer nach Shaoxing (dreieinhalb müde Stunden und viel Hupen!), dann ein noch nie gesehenes solches: neue Gebäude überall, zusätzlich zur westlichen KFC-Präsenz des letzten Jahres haben sich ein McDonald’s, ein Pizza-Hut und Unmengen an mariahilferstraßetypischen Shops hier angesiedelt. Außerdem angesiedelt wurden gleich neben dem Expert Building eine Baustelle (wie schon im letzten Jahr, nur dass diesmal die zwei Studentenheime fast fertig sind) und eine Arbeiterbaracke auf dem Teil, der hier noch eine Wiese ist!) Wer ist mir gleich am Anfang über den Weg gelaufen? Richtig!

Das Umfeld

Einiges hat sich, wie gesagt, verändert, so kann man beispielsweise jetzt bei fast jedem Bankomaten mit fast jeder Karte Geld abheben. Sogar der Bankomat der Bank of China, der gleich neben dem Haupteingang zur Uni angesiedelt ist, versteht sich mit Bankomatkarten, Visa, MasterCard, American Express und sonstigen gängigen Kreditkarten. Die Öffnungszeiten des Hotels entbehren – wie auch schon früher – jeder Vernunft und dieses Mal gibt’s sogar noch ein wenig mehr: chinesische Studenten als Sprechpartner wurden allen (1:1!) per Liste zugeteilt und weichen fast nicht von der Stelle. Auf der einen Seite hat das einen riesengroßen Vorteil, denn es gibt keinerlei Fragen, die nicht sofort beantwortet werden, egal, ob sie sprachlicher, organisatorischer oder lokaler Natur sind, andererseits den Nachteil, dass bereits jetzt schon der Wunsch nach zumindest ein bisschen Privatsphäre bei den Studenten auftaucht. Ich habe die Lösung dieses Problems in meiner verantwortungsvollen Rolle bereits in Angriff genommen und es fehlt nur mehr die bestätigte Antwort der chinesischen Fraktion.

Zusammenfassung o.ä.

Hier hat sich viel geändert. Nicht nur der shaoxingsche Lokalkolorit muss neu geschrieben werden, auch die Art und Weise wie mit den Studenten umgegangen wird, ist neu. Vieles hat sich hier in Shaoxing respektive China gewandelt und viel Altes musste Neuem weichen, doch noch ist dieses Land als China zu erkennen; vieles hat sich in China geändert, aber nicht China selbst…

Nachtrag

Ich war gestern noch unterwegs auf der lokalen “Strandpromenade” (das ist sowas wie die Donauinsel in Wien in chinesischer Abwandlung in Shaoxing) – auch hier hat sich viel verändert: Ein McDonald’s und ein KFC haben gerade Eröffnungsfeier gehabt, die Stadt ist um sieben Blöcke ins Hinterland gewachsen und um 23:00 Uhr kann man bei den Textilindustriearbeiterinnen vorbeischauen und ein “Ni hao” loswerden…

Shaoxing-Shanghai

Den Weg von Shaoxing nach Shanghai hat fast die gesamte Gruppe mitgemacht. Einige wenige sind schon weiter in den Westen oder Süden gefahren, einige wenige davon wiederum, hat man dann später im Norden wieder gesehen. Wie auch immer, oder, wie jemand auf der Reise zu sagen pflegte, however, der Abschied von den hiesigen Studenten wurde herzlicher als man es sich vorgestellt hat. Geschenke wurden überreicht, E-Mail-Adressen ausgetauscht, es wurde fotografiert und Hände wurden geschüttelt.

Der naturgemäß unterkühlte Bus war zwar pünktlich, die Abfahrt allerdings zu spät, somit auch die Ankunft in Shanghai – nach einigen hundert Kilometern Busfahrt quer durchs südliche China. Das, was wir in Europa gemeinhin “Land” nennen, ist in China eine durchgängig bebaute Fläche, die keinen Blick bis zum Horizont frei lässt. Immer ist irgendwo irgendwas. Hier die fünfstöckigen Häuser in hässlichen Farben, rundherum Reisfelder, dann wieder eine Ziegelbrennerei, dahinter eine Lagerhalle; ein Häuschen, in dem der Schleusenwart seinen Dienst tut versperrt den Horizont ebenso wie das wiederum darauffolgende fünftstöckige Gebäude umgeben von Reisfeldern. Hübsch ist’s nicht wirklich. Hübsch wird’s erst im Landesinneren.

Tagesablauf eines Sinologen in China

Verfasst, um dem Idyll Realität vorzustellen… Der Hinweis “Achtung: Satire!” ist notwendig, weil ein paar Leute aber auch nichts verstehen.

08:00 Uhr
Weckerläuten. Aushängen des “Do not disturb”-Schildes. Pissen. (Feststellung: Irgendwer hat ins Klo gekotzt und nicht runtergelassen!)
08:30 Uhr
Die Putze betritt anstandslos den Raum und fängt an… Erster Mordgedanke.
08:40 Uhr
Der Sinologe verlässt den Raum und begibt sich auf die alkoholgetränkte Couch in der Lobby. Löschung der eventuell noch glimmenden Zigaretten.
09:00 Uhr
Putze fertig, zurück ins Bett. Freundlichkeit führt zu zweitem Mordgedanken.
12:00 Uhr
Frühstück. (Reichhaltig!) Begrüßung der anderen Kollegen.
12:10 Uhr
Gang zu Kentucky Fried Chicken, dort ein Kübel.
12:30 Uhr
Beschleunigter Gang heimwärts; Alkohol und Immodium beenden ihre Wirkungsphase.
12:50 Uhr
Erleichterung. Feststellung: Klopapier von Peking noch nicht genehmigt. Fluchen. Immodium oder Dusche? Immodium!
13:00 Uhr
Weg zum Internetraum. Warten bis etwa 13:30 Uhr.
13:30 Uhr
Erster Totalabsturz des hiesigen Rechners. Der Gu Tong flucht.
13:33 Uhr
Zweiter Totalabsturz des hiesigen Rechners. Der Gu Tong flucht abartig.
13:35 Uhr
Dritter Totalabsturz des hiesigen Rechners. Zuckaus, Fluchen, Angst.
17:45 Uhr
Versammlung am Tisch. Warten auf Mahlzeiten. Umsonst.
18:00 Uhr
Reis und der selbe Mist, der jeden Tag dasteht.
18:30 Uhr
Erster Bai Jiu. Mäxchen im Probelauf. Bowle.
22:00 Uhr
Versammelte Sinologenrunde, Mäxchen in vollem Gange, Bai Jiu wirkt.
00:00 Uhr
Erste Sinologenmüdigkeit, Anfangsphase der Private Party.
01:00 Uhr
Private Party nimmt abartige Ausmaße an. Frauen: enthemmt.
02:00 Uhr
Stimmungsabfall. Bai Jiu. Hemmschwelle nicht mehr vorhanden.
03:00 Uhr
Erster Kollaps.
03:15 Uhr
Zweiter Kollaps. Irgendwer kotzt im Hintergrund.
03:30 Uhr
Ein Jurist schaut vorbei. Laune hebt sich.
04:00 Uhr
Bai Jiu lebt!
04:20 Uhr
Baaaaai Jiuuuuu!
05:00 Uhr
Müdigkeit.
05:30 Uhr
Bettruhe.
08:00 Uhr
Weckerläuten. Aushängen des “Do not disturb”-Schildes. Pissen. (Feststellung: Irgendwer hat ins Klo gekotzt und nicht runtergelassen!)
08:30 Uhr
Die Putze betritt anstandslos den Raum und fängt an… Erster Mordgedanke…

Fahrt nach Hangzhou

New interpretation of public transport

Der Bus, der uns nach Hangzhou bringen soll, kommt eine Viertelstunde zu spät. Warum, das weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand, aber es wird sich sogleich herausstellen: Auf der Stadtautobahn (Höchstgeschwindigkeit 60 km/h) wechselt der Fahrer die Spur auf die Gegenfahrbahn, Autos mit blinkenden Lichtern kommen auf uns zu, da aber auf chinesischen Straßen das (PS-) stärkere Fahrzeug anscheinend immer Vorrang – sogar als Geisterfahrer – hat, hält man sich ansonsten zurück. Von der Gegenfahrbahn geht es dann bei der Ausfahrt hinein zur Tankstelle, dort wird getankt; der Fahrer stellt vorher doch noch den Motor ab.

Nachdem die Tankpumpe den Bus vollgetankt hat (ein Gewaltakt!), springt der Motor nicht an. Das ist kein Problem, denn: Reisende raus, die Burschen nach hinten und anschieben! Beim dritten Versuch springt der Motor dann doch an, anstandsloses Wiedereinsteigen, Fahrtaufnahme. Zurück zum Kreisverkehr, in dem an sich gegen den Uhrzeigersinn gefahren wird, doch wozu eine Runde fahren: Von der Einfahrtsspur mal schnell nach links gelenkt, zwanzig Meter vorgefahren, wieder als Geisterfahrer Blinker ein und raus aus dem Kreisverkehr. Dann: hupend bis nach Hangzhou. Ohrenschmerzen, Rückenschmerzen. Aussteigen.

Schweiß

Es ist die Hitze, die einige von uns krank werden lässt: andere erkranken am Essen, besonders am Wasser, das sie, absichtlich oder nicht, trinken. Man hat sie davor gewarnt. Das Wasser hier muss gereinigt, abgekocht werden, doch diese Warnungen sind nun egal. Die Hitze bestimmt hier den Lauf der Dinge.

Der Körper ist allgegenwärtig. Er wird Mittelpunkt eines schon lange nicht mehr körperlichen Lebens. Man spürt ihn unter Schweiß und Kleidung, man spürt ihn durch Hunger und Durst, durch Schmerzen: durch ihn, die Annehmlichkeit eines kühlen Windes, mit ihm, den Luxus des Schattens. Ihn in Wasser zu baden, ein Wunsch.

Der Geist ist frei. Er genießt den Komfort, den er dem Körper zu verdanken hat, der ihn schützt und es ihm möglich macht seinen Aufgaben nachzugehen. Alles in mir hat eine Aufgabe. Der Geist, frei zu sein.

Chinesische Sandalen

Ich habe mir in einem chinesischen Supermarkt Sandalen gekauft. Diese Schuhe kosteten 17,90 RMB, das sind etwa 1,80 EUR, sie bestehen aus einem styroporähnlichen Material, das alle Stückerl spielt, sind bequem, und ich könnte wetten, dass diese Schuhe noch mindestens zwei Jahre gut halten werden. Besonders sexy sind sie nicht, ein schmuckes Blau ziert nun meinen Fuß, besonders fest sehen sie auch nicht aus, doch haben sie heute bereits einen steinigen Weg (das ist jetzt keine Umschreibung für den Kontakt mit meinem Fuß, ja!) bravourös gemeistert.

Ich habe mir also Schuhe gekauft. Warum? Nun, hier ist es heiß. Sehr heiß. Und wie heiß! Mit geschlossenen Schuhen ist man hier aufgeschmissen. Ich passe mich natürlich den lokalen Gepflogenheiten an und steige um auf… Richtig! Sandalen. Es sind dies nicht diese Zehenvernichter mit der Schlaufe zwischen großer und Zeigezehe (nennt man die so?!?), die den Charme einer zum Schuh gepressten Altplastiksammelbehälterfüllung haben und die wenig rühmliche Nachfolge der Espandrillos antreten, sondern ein Paar ganz klassischer Sandalen, wie man sie in den 80er-Jahren getragen hat. Devon Miles und so. Der hat sie allerdings mit weißen Socken getragen. So richtig richtig halt. Fast schon urig, allerdings haben meine Schuhe keine Lederriemen und keine Schnalle, sondern sie sind anscheinend von einer Styroporpresse gefertigt worden. (Immerhin noch besser als Altplastiksam… eh schon wissen.)

Diese Schuhe (Jakob würde hier von dem Schuh sprechen) hatten heute ihren ersten großen Auftritt. Die Besteigung eines Hügels samt chinesischem Wachturm absolvierten sie in tadelloser Kooperation mit meinen Füßen problemlos, den Abstieg ebenso. Der nachfolgende Hatscher nach Hause war auch problemlos, doch einen kleinen Nachteil haben die Treterchen dann doch: Begibt man sich in einer Klimazone, die in den Sommermonaten eine Durchschnittstemperatur von etwa vierzig Grad vorweisen kann, zu Mittag ins Freie und möchte sich z.B. an einen Ort begeben, von dem aus man einen Eintrag für seine Homepage verfassen will (nichts geht übers Verfassen von Einträgen für die eigene Seite vom Ausland aus), dann kann das schon mal dazu führen, dass diese herrlich-blauen Styroporsandalen ganz einfach am Beton kleben bleiben.