Ein Seminaren inhärentes Problem

Wie jedes Jahr, fand auch heuer wieder ein Firmenseminar statt. Diesmal, allerdings, war eine professionelle Trainerin eingeladen, die die firmenseminarüblichen Themen – Kommunikation, Identität, Kooperation – mit uns [hier passendes Verb einsetzen] sollte. Die Dame stellte gleich zu Beginn des Seminars ein Set an Regeln auf, an das wir uns zu halten hatten. Diese Regeln kann man in zwei Kategorien einteilen: Einerseits gibt es Regeln, die da sind, um Wiederholungen und inhaltliche Leerläufe zu vermeiden (gut!), andererseits gibt es Regeln, um den Seminarablauf unter Kontrolle zu halten. Letztere schränken jedoch die Diskussion und die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten stark ein, sodass die diskutierten Inhalte nutzlos erscheinen und das Seminar von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern als “sinnlos, wie immer!” wahrgenommen wird.

Vor Jahren habe ich schon darüber geschrieben, wieso ich Firmenseminare meide, wenn sie zahnlos sind und keinerlei Auswirkungen auf die daran Teilnehmenden haben. Wenn die Diskussion auf einer allgemeinen Ebene – oder, in trendiger Coachingsprache: Meta-Ebene – stattfindet und die intellektuelle Kapazität der Teilnehmenden nicht ausreicht, die allgemein formulierte Kritik selbstreflexiv gegen das eigene Verhalten zu stellen, dann bringt das Getue nichts. Meine Kritik richtet sich nicht an diejenigen, die nicht zur selbstkritischen Deduktion aus der allgemeinen Diskussion auf ihr persönliches Verhalten in der Lage sind – sie sind es ja meistens, die viel Geld in Trainings und Coachings investieren, um ganz genau und konkret gesagt zu bekommen, was passt und was nicht -, nein, meine Kritik richtet sich gegen die Trainer und Coaches, die nicht in der Lage sind, eine den Diskurs steuernde Position einzunehmen, aus der heraus sie Lösungen für konkrete Probleme schaffen können, in dem sie im Gespräch die Möglichkeiten zur Konfliktlösung erkennen. Und ist es nicht so, dass die meisten Probleme, die in Kipferl-und-Kuchen-Seminaren enden, genau solche verfahrenen Situationen sind? Situationen, die Möglichkeiten bieten, die aber keiner (mehr) sieht?

Doch zurück zu den Regeln. Der Zweck dieser sprachlichen Einschränkungen ist, so mein Eindruck, die Vermeidung von Eskalation. Man schafft ein neutrales sprachliches Feld, auf dem, einem Schachspiel nicht unähnlich, der Konflikt ausgetragen werden soll. Die argumentativen Bewegungen werden jedoch mit de-eskalativen Regeln gesteuert und bestimmte Züge sind, ebenso wie der Angriff auf bestimmte Figuren, verboten. Die Allegorie des Schachspiels trifft die Sache gut, denn auch dort wird nicht die Figur selbst, sondern ausschließlich ihr Tun mit Möglichkeiten und Unmöglichkeiten ausgestattet. Blöd nur, dass bei diesem Spiel am Schluss niemand seinen König umlegt und dem besseren Spieler gratuliert, sondern alle Bauern, Türme, Springer, Läufer, Damen und Könige im Kreis sitzen und versuchen, ihre gemeinsame Identität zu finden.

Es ist verboten, Kritik konkret und/oder direkt anzusprechen. Alles muss allgemein gehalten werden. Auch wenn man zum Beispiel Probleme auf die versäumte/verspätete Kommunikation innerhalb des Unternehmens, das böswillige Tun eines Kollegen oder auf einen Computerfehler zurückführen kann, so darf das so nicht angesprochen werden, da es im einen Fall konkret (die Kommunikation/der Computerfehler) und im anderen Fall direkt (der Kollege) ist. Am besten, man gibt überhaupt keine Beispiele mehr an.

Es ist verboten, kritische Anmerkungen zu machen ohne gleichzeitig eine Lösungsmöglichkeit zu präsentieren – “konstruktive Kritik” nennt man das in Trainerkreisen. Meine Lieblingsregel, vor allem, wenn man sie im Umkehrschluss betrachtet: Wenn man aus seiner Position heraus (hier geht es um Perspektive!) ein Problem identifiziert hat, darf man es nicht ansprechen, sofern man keinen Lösungsvorschlag parat hat. Noch kürzer: Ein Problem, das nicht gelöst werden kann, darf nicht “Problem” genannt werden.

Es ist verboten, sich negativ zu äußern; negative Äußerungen müssen positiv formuliert werden. Die Knock-Out-Regel, mit der die Zahnlosigkeit eines jeden Seminars besiegelt wird. Wahrscheinlich in den Seminarschulen dieses Landes als Möglichkeit angesehen, um “doch noch das Positive” in selbst den herausforderndsten und angriffslustigsten Statements finden zu können, zerstört diese Regel ein jedes vernünftige Gespräch und macht relevante Kommunikation unmöglich. Entweder der Schuh drückt oder er drückt eben nicht; wenn ich ihn nicht wechseln kann, muss ich ein solches Problem negativ ansprechen.

Was bleibt also übrig, nachdem man sich mehrere Stunden einem solchen Seminar ausgesetzt hat und danach feststellen musste, dass es schon wieder sinnlos und leer war? Eine Feedbackrunde, in der der Seminarleiter noch einmal im Rahmen eines allzusammenfassenden und ihm zweckdienlichen Interpretationsbogen erzählt, was eigentlich passiert ist, mitteilt, was dabei herausgekommen ist, erklärt, wozu das gut gewesen ist, schönfärbt, was als sinnlos betrachtet wurde, und sich ins Fäustchen lacht, dass irgendwer aus dieser Sesselkreisrunde am Ende des Tages die vollgeschmierten Flipchart-Poster wegräumen wird müssen.

Warum ich Firmenseminare vermeide

Zweimal jährlich gibt es Firmenseminare, in denen sowohl das Fachliche wie auch die Verhältnisse der Mitarbeiter untereinander trainiert werden sollen. Für gewöhnlich sehen diese zweitägigen Seminare wie folgt aus:

Am Vormittag des ersten Tages werden bei Anwesenheit aller Departments alle Punkte und Situationen diskutiert, die zu Problemen führen. Probleme mit neuen EDV-Anlagen, Probleme mit Klimageräten, Probleme der Mitarbeiter untereinander, Probleme mit Kunden, Situationen, die besondere Maßnahmen erfordern – all das ist dem ersten Vormittag gewidmet und wird lange und breit diskutiert. So lange, und sich so sehr in Details verlierend, dass am Ende des Vormittags die einhellige Meinung herrscht, man habe lange diskutiert, die besprochenen Lösungen reichen lediglich für einen Bruchteil der anfangs angeführten Probleme. Mittagessen bei irgendeiner Pizzeria.

Der Nachmittag ist dem fachlichen Austausch gewidmet und das wird auch durchgeführt. Eine Verlängerung des Vormittags, eine Fortführung der Diskussionen rund um noch immer nicht beantwortete Fragen, findet niemals statt. Am Nachmittag wird das Nachmittagsprogramm durchgeführt. Abendessen in einem Innenstadtlokal.

Mein besonderer Liebling ist aber Tag 2. Dieser Tag ist immer reserviert für externe Trainer aus Persönlichkeitsbildungszentren oder anderen eigenartigen Typen, die uns mit eingelerntem, nie kritisch reflektiertem Wortmaterial und irgendwelchen psychologischen Studien zupflastern (noch nie, niemals hat einer von ihnen mir die Quelle der Informationen nennen können!) und daraus ein bestimmtes Fehlverhalten ableiten wollen. Erstaunlicherweise liegt das Fehlverhalten aller immer im Fachgebiet des einen Trainers. Und dann fangen wir mit Gruppenübungen und -spielen an, Dadaismus en masse zu betreiben. Rollenspiele, offene Gesprächsrunden, der ganze Quatsch. Auch hier tauchen in den Resümeerunden neue Fragen auf, die am Vormittag des ersten Tages nicht ausdiskutiert wurden, auch hier, selbst wenn kaschiert, kommen die Erbanlagen der verschiedenen Personen voll zur Geltung. Am Ende des Tages sind alle müde vor Dummheit, der Trainer zufrieden, das Management motiviert und alle froh, dass es endlich vorbei ist. Beim Essen sind alle “neuerlangten Freundschaften” dahin und die üblichen Gruppierungen gehen ihre gewohnten Wege.

Ganz besonders fein wird es aber am Abend des zweiten Seminartages, denn da geht’s vom Seminartag direkt in den Arbeitsalltag über. Und was geschieht da? Alles, was im Seminar besprochen wurde, wird außer Acht gelassen! Regelungen, auf die wir uns geeinigt haben, werden mit den Füßen getreten, Absichtserklärungen und Verhaltensweisen, die zur Stärkung des Zusammenhalts und der Motivation trainiert wurden, werden ignoriert. Das alles bestimmt nicht, weil die Mitarbeiter sie nicht verstanden haben oder bewusst dagegen arbeiteten, sondern vielmehr, weil es ihnen niemals gelingen würde das,

was an Begriffen geboten wurde, nicht nur als plane Übersetzung in die Physik [ihrer] Merkfähigkeit aufzunehmen, sondern es ein Stockwerk tiefer, in die Chemie [ihres] persönlichsten Lebens wirkend einsickern zu lassen. (Heimito von Doderer über “Bildung” in “Die erleuchteten Fenster”)

Beispielsweise wurde am letzten Seminar besprochen, dass bei unangemeldeten Besuchen von Kunden der Mitarbeiter mit der höchsten fachlichen Qualifikation diese Kunden bedienen sollte. Was geschah nur wenige Stunden später? Der neue Führungsbeauftragte, der für diesen Abend dienstlich eingeteilt war, ließ Mitarbeiter, die an diesem Abend eigentlich frei hätten, Kunden bedienen, weil er – der Führungsbeauftragte – irgendwas wichtiges zu tun hatte; irgendwas wichtiges bestand aus Internetsurfen, Flickrbilder kommentieren, Small Talk und der Zubereitung von Kaffee. Dieses problematische und unreflektierte Verhalten wiederholt sich seit dem letzten Seminar nahezu täglich!

Konsequenzen dieses Verhaltens gibt es keine. Viel wurde überlegt, viel wurde diskutiert, aber dabei bleibt es, denn niemand hat die Zeit und Lust dazu, hier Firmenpolizei zu spielen. Vielleicht wäre es mit einem ausgeklügelten Bespitzelungssystem möglich, Mitarbeiter zur Ordnung zu zwingen, das aber würde zu einem Arbeitsklima beitragen, das sich auch auf die Kunden auswirken würde. Vielleicht wäre ein Belohnungs- oder Abstrafungssystem gut? Das ist vielleicht in großen Firmen machbar, nicht aber in kleinen Unternehmen, bei denen die Copinage mehr zählt als Qualifikation und Verlässlichkeit.

Was also ist die Lösung des Problems? Es gibt keine! Es gibt keine, die zur Zufriedenheit aller dazu beitragen würde, die Fehler oder Wünsche einiger zu berücksichtigen.

Was ist die Konsequenz, was sind die Folgen? Ob man das Seminar besucht hat oder nicht, macht keinen Unterschied. In den ersten Tagen danach bemühen sich einige Wenige um das korrekte Befolgen der neuen Anweisungen, danach läuft alles wie bisher. Diese Wenigen sind deutlich in der Unterzahl und nicht in Positionen, in denen sie etwas bewirken könnten. Dort nämlich sitzen diejenigen, die sich über alle Regeln stellen.

Das ist der Grund, warum ich Firmenseminare zu besuchen vermeide!