Die Autorität hinter der Kaffeeliste

Als ich heute in einem der besten Kaffeelokale der Stadt war und einen Espresso bestellte, wurde ich vom Maître gefragt, ob ich denn einen neuen Single Origin-Kaffee ausprobieren wollte – ein Vorschlag, dem ich gerne folgte. Er bereitete den Kaffee zu und wies mich an, ein wenig zuzuwarten, bevor ich ihn probierte. Der Kaffee wurde serviert, ich wartete und probierte ihn. Für gewöhnlich erklärt der Maître sogleich, was man sofort und was man erst nach einigen Sekunden oder überhaupt erst etwas später schmeckt, also fragte ich ihn, was ich denn da schmecke? Er wollte antworten als ihm seine Aushilfe ins Wort fiel.

Wenn du das nicht erkennst, welche Qualität haben dann die Bewertungen auf deiner Seite?

Österreich, willkommen zurück! Es war ja ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis jemand die Bewertungen und Kritiken auf meiner Seite zum Thema Guter Kaffee in Wien infrage stellen und nach ihrer Qualität, vor allem aber nach der Autorität dahinter fragen würde. Und so eine Frage (wie die oben) macht genau das: Sie stellt erarbeitete, erkaufte, vererbte, nationale, … Autorität über die momentane und persönliche, ja selbst über die durch Erfahrung gebildete Wahrnehmung. Dieser Logik zufolge reicht ein erfahrener, durch vielerlei Höhen und Tiefen gegangener Geschmackssinn nicht aus, um über die Güte eines Kaffees entscheiden zu können, nein, es muss ein ausgebildeter Gaumen sein, fachspezifisch geprüft, womöglich mit Diplom! Anders gesagt: Um eine Meinung haben zu können, muss man sich den Sanktus geholt haben, sie haben zu dürfen.

Oder man ist cool. Oder über den Dingen. Und weiß alles. Besser.

Bei Kaffee ist das Bewerten, Beurteilen und Eine-Meinung-haben ohnehin schwierig, da es bei Kaffee ja nicht nur um Kaffee (das Getränk), sondern auch um Kaffee (den Muntermacher in der Früh), Kaffee (die Pause am Nachmittag), Kaffee (Motivator) oder Kaffee (das gesellschaftliche Trinken) geht. Insofern kann niemand cool und über den Dingen sein oder alles besser wissen – die Bandbreite der Wahrnehmungen, die mit Kaffee assoziiert werden, ist einfach zu groß.

Mein Liste, und damit auch die Autorität dieser Liste, versucht hier einen Mittelwert zu schaffen: Die Top-Plätze meiner Kaffeeliste werden daher den Kaffeeläden zuteil, die ich für alle Arten von Kaffeewahrnehmung empfehlen würde: Ob ich müde in der Früh, in einer Arbeitspause oder am Nachmittag mit Freunden ein Kaffee besuchen würde – das ist die Frage, um die es in meiner Reihung geht.

Semantische Vollbremsung

Wer sich an meine Ausführungen zu dem Seminaren inhärenten Problem erinnert, dem wird die heutige Episode – eine “semantische Vollbremsung” – nur als Abwandlung eines bereits bekannten Prinzips erscheinen. Auch diesmal wird die Möglichkeit etwas mitzuteilen durch eine anfangs scheinbar unbedeutende Formulierung eingeschränkt. Die Einschränkung steht diesmal jedoch in völligem Gegensatz zum Zweck und wirkt sich folgenreich auf den weiteren (Diskussions-) Verlauf aus.

In einem Konzept, dessen Ziel die breite Einbindung so vieler User wie möglich in eine fruchtbare Diskussion zu bestimmten Themen ist, wurde vorgeschlagen, die jeweils erste Reaktionsebene auf ein Statement in einem Onlineforum verpflichtend mit einem bestimmten Satzanfang beginnen zu lassen, um zum Thema nicht relevante Threads gar nicht erst aufkommen zu lassen. Mit anderen Worten: Irgendwer schreibt einen Beitrag im Forum und alle, die direkt darauf Bezug nehmen, müssen ihren Kommentar mit einem der beiden Satzteile beginnen:

  • Ich finde [Bezug auf den Beitrag], weil…
  • Ich finde [Bezug auf den Beitrag] nicht, weil…

Diese Einschränkung wird den Diskussionsteilnehmern im Sinne der Regeltransparenz klar und deutlich mitgeteilt, danach, also in der nächsten Ebene, können sie jedoch nach Herzenslust schreiben. Im Ganzen gesehen sieht ein Diskussionsverlauf mit einer ersten Reaktionsebene und dem weiteren Diskussionsverlauf dann in etwa so aus:

  • Statement (Themenvorgabe: Ebene 0)
    • Ich finde [Bezug auf den Beitrag], weil… (Reaktion: Ebene 1)
      • Weitere Diskussion (Ebene 2)
    • Ich finde [Bezug auf den Beitrag] nicht, weil… (Reaktion: Ebene 1)
      • Weitere Diskussion (Ebene 2)

Nun stellt sich mir die Frage, ob eine Diskussion zum Thema in Bezug auf einen Kommentar der Ebene 1 überhaupt möglich ist. Oder anders: Kann man ein Statement unter Berücksichtigung einer persönlichen Meinung, die durch das “Ich finde…” erzwungen wird, überhaupt noch diskutieren oder wird eine sachliche Diskussion durch das Vorbringen der persönlichen Meinung im Keim erstickt? (Noch weiter gefragt: Macht es Sinn, als solche deklarierte persönliche Meinungen zu kommentieren?)

Meine Meinung ist, dass ein Kommentar, der verpflichtend mit den oben angeführten Satzanfängen beginnt, eine semantische Vollbremsung für jegliche Diskussion darstellt, da sich die Diskussion auf jeden Fall nicht mehr nur um das Statement drehen, sondern die Meinung eines Kommentierenden der Ebene 1 teilweise oder gänzlich zum Inhalt haben wird. Was also passieren wird, ist genau das Gegenteil des Ziels dieser sprachlichen Vorgabe. Die Diskussion wird sich eher weiter vom Thema entfernen!

Wenn also so viele User wie möglich in eine fruchtbare und sachliche Diskussion eingebunden werden sollen, dann wäre es ratsam, diese sprachliche Vorgabe auszulassen, damit nicht schon die ersten paar Worte den weiteren Verlauf der Diskussion bestimmen.

Dennoch würde es mich interessieren, Gegenbeispiele kommentiert oder zugeschickt bekommen, die beweisen, dass eine sachliche Diskussion möglich ist, auch nachdem die erste (Reaktions-) Ebene mit diesem Satzanfang auch inhaltlich in eine Schablone gepresst wurde. Nur zu!

Wenn ein Krapfen aus der Krone fällt

Ich reise gerne. Und wenn mir jemand von seinem Urlaub erzählt (und das gut macht), dann verfolge ich gespannt mit, was diese Person im jeweiligen Urlaubsland gemacht, erlebt, wo sie gewohnt hat und wie sie mit den Menschen dort zurechtgekommen ist. Bislang waren diese Berichte, egal um welches Land es sich handelte, durchaus positiv konnotiert, selbst wenn es im Urlaubsland zu Problemen gekommen ist, und Probleme, das habe ich aus vielen Erzählungen gelernt, gibt es zweierlei: diejenigen, die ohne Zutun vorliegen, und diejenigen, die durch die eigene Person entstehen. Wenn die als 4-Sterne Suite beworbene Bleibe ein kakerlakenüberfülltes Kellerloch ist, dann ist das ein Problem ohne eigenes Zutun und so ein Problem gehört bereinigt und beseitigt. Wenn man allerdings bei den ortsansässigen Menschen auf Ablehnung stößt, nicht ernstgenommen, abfällig behandelt oder ignoriert wird, dann kann das schon auch an einem selbst und an der teils bewussten, teils unbewussten Art der Kommunikation mit der ansässigen Bevölkerung liegen. Vor allem in Regionen, in denen der Tourismus nicht alltäglich ist oder nicht die (wirtschaftliche) Bedeutung hat, die ihm beispielsweise in Österreich zukommt, oder aber in Regionen, in denen es keine traditionell verankerte Freundlichkeit gegenüber Fremden gibt oder diese Freundlichkeit anders interpretiert wird als Apfelstrudel und Lächeln, kann es zu Problemen kommen, die sich aus dem Unverständnis gegenüber der fremden Kultur ergeben. Niemand, der schon einmal länger in einer chinesischen Stadt war, wird dem mehr Bedeutung als gewöhnlich beimessen, wenn er auch am Zebrastreifen teilweise von Autos angestupst wird, niemand, der schon einmal mit den von pseudoreligiösen Predigern zu absolutem Ernst erzogenen Bewohnern eines Dorfs in Fidschi geplaudert hat, wird sich über deren Reaktionen auf Lustiges wundern, niemand, der verstanden hat, wie Indien funktioniert, wird sich darüber aufregen, dass er von einem Tourismusbüro über den Tisch gezogen und ausgenommen wurde, niemand, der die österreichische Seele entdeckt hat, wird es einem grantigen Kellner böse nehmen, wenn sein Lächeln aufgesetzter als ein Steirerhut mit Gamsbart wirkt, niemand, der sich mit der Kultur der USA auseinandergesetzt hat, wird sich über auswendig gelernte, gesellschaftlich anerkannten Floskeln oder über gespielte Freundlichkeit amüsieren; der Unterschied zwischen dem interessiert-verständnisvoll und dem ignorant-vorurteilsbeladenen Reisenden ist die Sichtweise dieser Dinge: Was für die ersteren eine mit Respekt beobachtete Befriedigung der Neugier ist, die zu neuen Erkenntnissen über die Kultur und die Menschen in diesem Land führt, ist für letztere eine mit unverständnisvollem Kopfschütteln über die Andersartigkeit der Kultur abgeurteilte Bestätigung des Vorurteils. Selbst schuld, wer zur zweiten Gruppe gehört!

Besonders interessant (und politisch) wird es, wenn eine Person beide Reisequalitäten aufweist, somit sowohl Neugier und Respekt als auch vorurteilsbeladene Ignoranz in sich trägt. Die Auswirkungen dieses Doppellebens können unterschiedlicher nicht sein. Für den einen ist Westeuropa die Erfüllung, der andere fühlt sich in Asien in einer überlegenen Position, der dritte wertet sich im Inland auf, indem er über das Ausland schimpft und wieder ein anderer definiert seine Hochkultur ausschließlich durch den Vergleich mit einem Entwicklungsland. Meinetwegen, sollen sie alle. Als problematisch sehe ich die Dinge nur an, wenn eine Negativmeinung nicht mehr begründet ist, sondern vorurteilsbeladene und xenophobe Züge unter der falschen Prämisse des Wissens annimmt, die auch vor der Kultur, den Leistungen und der Existenz der fremdländischen Zivilisation keinen Halt machen. Andererseits sagt so eine “Meinung” auch sehr viel über ihren Vertreter aus. Stellen wir uns doch einfach vor, wie demütigend es sein muss, wenn wir ins Ausland kommen und nicht als Österreicher, sondern als Europäer bezeichnet werden! Und das mit Verwunderung, denn we didn’t know Australia was part of Europe! Ja, was glauben denn die!? So schnell kann’s gehen, als ob wir’s nicht kennen würden. Und schon ist uns ein Krapfen aus der Krone gefallen!

Kommentar #6

Anonym am 3. Jänner 2005 um 15:19:24 Uhr auf einen Artikel zum Thema “Eigene Meinung”:

Auch wenn ich im folgenden eine Schwäche eines Diskutanten darlege, ist es nicht weniger zu beachten.

Es liegt nicht nur an dem Stand an qualitativem Wissen und emotionsloser Argumentation, damit die richtige Meinung akzeptiert wird. Sondern es liegt auch sehr wohl an der rhetorischen Begabung der Diskutanten. Stets kann man in den Gesichtern der Menschen lesen, dass sie der einen oder anderen Persönlichkeit zustimmen, nur weil die Meinung während der kurzen Argumentation des Sprechers als logisch erscheint. Selbst wenn man die Irreführung erkennt und aus Wissen heraus weiß, dass die Argumentation eine falsche war, kann man nur schwer gegen sie ankämpfen, wenn die Erwiderung nicht so gut und plausibel klingt, wie die falsche Darlegung.

Liegt der Fehler nicht nur darin, dass viele Meinungen einem zu kleinen Stock an Wissen zugrundeliegen, sondern auch daran, dass die Macht der Rhetorik die blödeste Aussage als korrekt und manchmal sogar als grandios aussehen lassen kann? Ist nicht das “Wie” der verbalen Kommunikation wesentlich ausschlaggebender als das “Was”?

Was “meinst” Du, mein Freund?

In einem weiteren Kommentar im gleichen Gesprächsverlauf lobe ich Anonym:

“So ist die Kunst eines Gesprächs […] auch die Geduld.” – Weise Worte…