Tag 10: Von Ko Lanta nach Ao Nang

Tag 10: Von Ko Lanta nach Ao Nang

Endlich! Wir nahmen die Fähre um 12 Uhr irgendwas, um Ko Lanta endlich verlassen zu können. Als die Insel allmählich am Horizont verschwand, begann es am Meer zu regnen. Die etwas mehr als 50 Kilometer, die von Ko Lanta nach Ao Nang bewältigt werden mussten, wurden zum Wetteralbtraum: Es schüttete ununterbrochen und zum Festland hin umzogen dichte Nebelwolken die Hügel, die die Schönheit Ao Nangs ausmachten. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Ort an einem klaren Sommertag den Reizen der Calanques de Sugiton in der Nähe Marseilles nicht unähnlich sein wird. Doch leider: Wir sahen Ao Nang inmitten dichter Nebelwolken und starkem Regen.

Eine weitere Überraschung war das am Vortag in Ko Lanta günstig gebuchte Hotel. Als wir an der Adresse ankamen (das Fährunternehmen führt uns zum Glück mit dem Bus vor die Haustüre), standen wir vor einem Nagel-, Haarpflege- und Massagesalon. Vor dem Salon saß ein Mann, der sich später als der Betreiber des Hotels herausstellen sollte, im Salon seine Frau, die die eigentliche Arbeit verrichten sollte. Als wir mit dem Voucher aus Ko Lanta nach unserem Zimmer verlangten, packte der Mann die Frau am Arm, zog sie gewaltsam in die Geschäftsräume weiter hinten und brüllte sie an. Aus den Fragen, die man mir vorher, zum Teil währenddessen und nachher stellte, konnte ich mir zusammenreimen, dass wir den günstigen Preis nur deshalb bekommen haben, weil die Frau am Telefon einen Fehler gemacht und uns das Zimmer zu einem Schleuderpreis zur Verfügung gestellt hatte. Letzten Endes bekamen wir das Zimmer und hofften abermals darauf, es bald wieder verlassen zu können.

Es schüttete den ganzen verbleibenden Tag, weshalb wir nur noch darüber berieten, wie lange wir in Ao Nang bleiben würden. Dramatischer wurde die Sache als wir erfahren mussten, dass alle Busse, Züge und sonstigen Verbindungen nach Bangkok ausgebucht waren. Das in den Südwesten von Thailand ziehende Unwetter vertrieb die Touristen in Scharen und es war praktisch unmöglich, gleich morgen einen Platz auf einem der nach Bangkok pendelnden Busse zu erhalten.

Zum Glück war die Dame an der Touristeninformation gewieft und konnte uns eine verhältnismäßig horrend teure Reise nach Bangkok zusammenstellen. Wir mussten mit einem privaten Taxi etwa 200 Kilometer in den Norden nach Surat Thani fahren (sehr teuer), wo es noch einen öffentlichen Bus nach Bangkok gab, in dem noch zwei Plätze frei waren (sehr billig). Nach längerem Zögern ob des horrenden Taxipreises willigten wir aber letztlich ein, da die nächsten freien Plätze nach Bangkok erst in ein paar Tagen verfügbar gewesen wären – und das hätte den ohnehin kurzen Urlaub sehr eingeschränkt.

An diesem Tag fühlte ich mich nicht wohl. Der gesamte Urlaubsplan war im Regenwasser versunken und ich würde Ko Tao, Ko Phangan und Ko Samui abermals nicht sehen. Der Wetterbericht sah für ganz Thailand schlecht aus. In Bangkok würden die Hotels ausgebucht sein – darauf wies uns auch die Dame an der Touristeninformation hin – und es könnte unter Umständen schwierig werden, einen Platz zu finden. Die Gerüchte um eine Evakuierung von Ko Tao, Ko Phangan und Ko Samui wurden immer lauter. In Ao Nang gab es außer ein paar spießiger westlicher Lokale nichts. Ich aß ein Doppel Big Mac-Menü bei McDonald’s. Schlimmer konnte es nicht mehr werden.

Hotel Riviera, Pula

Wer in Wien lebt hat den großen Vorteil, sich in etwa sechs Stunden von Zentraleuropa in den adriatischen Raum bewegen zu können. Viele häufig strapazierte Strände in Italien sind schon synonymisch in unseren Sprachgebrauch übergegangen, es gibt aber auch noch weniger bekannte Gegenden in Europa, die einen Besuch wert sind. So zum Beispiel die Gegend um Pula in Kroatien.

Freitag in der Früh Sachen gepackt, noch schnell ein Frühstück bei Kent und ab in den Süden. Wien, Graz, Maribor, Ljubljana, Koper, Pula. Ab Koper gibt es keinen Zweifel mehr, dass Istrien der Toskana äußerst ähnlich ist. Pinien, rote Erde, weißer Fels, blaues Meer. Und Durchschnittstemperaturen von 39°C!

Pula selbst ist eine Kleinstadt, in deren natürlichem Hafen die Hässlichkeit einer (künstlich angelegten?) Industrie-Insel gegen die Schönheit der Stadt und der Natur ankämpfen. Das Ergebnis gleich vorweg: Es kommt auf den Blickwinkel an, aber die Strände sind sowieso ganz wo anders!

Wir wollten auf Nummer sicher gehen und haben schon von zuhause aus ein Hotel gebucht. Das Hotel Riviera versprach alles, was man für so einen kurzen Ausflug benötigte und es sah sogar recht vielversprechend aus. Von außen wirkte das Hotel wie von Österreichern im Schönbrunnfieber hingestellt und es sollte sich später bewahrheiten, dass nicht nur das Hotel in Pula ein Prunkbau der Monarchie war! Doch Schluss der guten Worte, denn die Nacht im Riviera war die Hölle! In Gegenden, in denen es nachts nicht unter 30°C sinkt, sind auch die schönsten Hotels dieser Welt nutz- und sinnlos, wenn sie über keine Klimaanlage verfügen! (Was ich als Knopf für die Klimaanlage deklarierte, entpuppte sich sehr zu unserem Leid als Lichtschalter!) Am nächsten Tag sollten wir das Hotel fluchtartig verlassen und eine Bayerin würde uns zu neuem Glück verhelfen.

Kunming und Nr. 387

Ankunft

Ankunft in Kunming nach 45 Stunden Zugfahrt, obwohl nur 43 eingeplant waren. Aus Mitfahrenden wurden Gaffer, aus Gaffern wurden Schmatzer, aus Schmatzern wurden Schnarcher, aus Schnarchern wurden Raucher und aus Rauchern wurden Chinesischlehrer und -trainer, die sich allesamt auf meinem Bett (und ich bin ja voller Neurosen was das angeht!) niedergelassen haben und mir, sich die Zehen massierend, im Mund herumwerkelnd, an den Nägeln kauend, irgendwelche Krallen essend, etc., erklärt haben, was ich mir hier in Kunming ansehen sollte und was sowieso zu vergessen ist. An sich ein super Service, wäre da nicht das Problem der räumlichen und zeitlichen Gleichzeitigkeit der Erklärungen gewesen. Naja. Ausgestiegen, Taxe genommen (das mit dem “e” musste jetzt sein!), zum Hotel Nr. 1 gefahren, dessen Rezeptionistin mir doch glatt weißmachen wollte, dass mein Einzelzimmer einfach nur durch das Doppelzimmer Nr. 24 zu betreten sei. Und wieviele Menschen wohnen in Zimmer Nr. 24? Momentan drei, da wurde ein Bett dazugestellt, weil die ein Baby haben. Und wo ist das eigene Bad? Naja, das gehört ja zum Zimmer Nr. 24, dafür muss man aber auf den Gang in die Dusch/Klo-Kombination Nr. 24. gehen. Wo ist das Klo? Ach ja, das ist ja direkt unter der Dusche (Plumpsklo, wohlgemerkt!), wie konnte ich das übersehen!

Nr. 387

Hotel Nr. 2 hatte zwar ein Einzelzimmer, selbiges war aber teurer als das Doppelzimmer mit Dusche/WC, also das Doppelzimmer sehr zum Erstaunen der britischen Rucksacktouristin (60 Jahre alt, “I came here from London, London you know, that’s in Europe!” ) genommen und nebenbei eine mehr fragende als feststellende Bemerkung ueber die Anwesenheit von Kakerlaken gemacht, woraufhin Rezeptionistin Nr. 387, also nicht Nr. 385, die mich gerade bediente, mir empfahl, doch ein anderes Hotel aufzusuchen. Sie wollen mich also nicht als Gast haben in ihrem Hotel? – Genau, gehen Sie doch wo anders hin! – Ihre Nummer und den Manager bitte! (Abgang Nr. 387, seitdem nicht mehr gesichtet…) So ist der Stand der Dinge momentan.

Anschließend wollte ich die lokale Spezialität – “Über die Brücke”-Nudeln essen gehen, doch die Gebrüder Jiang, die hier in Kunming offenbar eine Kette mit “Über die Brücke”-Nudeln fest in der Hand halten, wollten und wollten sich nicht finden lassen. Daher Dicos, ein KFC-Verschnitt. Auch okay. Irgendwann übernimmt der Pragmatismus die Führungsrolle.

Es wird eigenartig… oder: Innere Harmonie

Den Massen gefolgt und in irgendeinem bazarartigen Gasserl gelandet, wo es äußerst eigenartig, teilweise sogar süßlich roch und mir erst nach einigem Nachdenken (ich bin ja nicht gleich gemein) darüber, wofür denn diese grossen zylinderartigen, innen ausgehöhlten ja, Baumstämme kann man hier schon sagen, gut waren, klar wurde, dass ich hier sozusagen im Kifferparadies schlechthin gelandet bin. Hier werden Unmengen an Tabaken aus China, Indien, Thailand und Myanmar angeboten, alle wahrscheinlich auf europäischen Blacklists aufgeführt, doch die Leute hier finden das Zeug offenbar ziemlich smoooth. Ich widerstehe und pilgere stattdessen in einen Teeladen und sehe, dass es hier den vielgepriesenen Tuo-Tee (沱茶), eine spezielle Form des Pu-Erh-Tees, einen geräucherten nämlich!, gibt und probiere selbigen natürlich sofort. Weil ich in diesem Laden offenbar der erste Nicht-Amerikaner bin, wird mir eine Teezeremonie zuteil, für die ich nicht einmal bezahlen muss und man verkostet mir den puren Tee und eine Grüntee-Mischung. Die Zeremonienmeisterin, eine etwa 25-jährige Chinesin, warnt mich davor, nicht zuviel davon zu trinken, denn der Tee habe auf den Körper eines Menschen eine sehr starke Wirkung. – Welche? – Und dann kam sowas wie: Die inneren und die äußeren Geister vereinigen sich und stellen die innere Harmonie wieder her. (Wäre diese Innere Harmonie nicht schon so beladen!) Ich trinke etwa ein fingerhutgrosses Schälchen von dem Tee und er schmeckt… wie pures Stroh. Die Grünteemischung ist wesentlich besser, süßlicher, dennoch mit einem herben Anteil. Die Zeremonienmeistern besteht darauf, dass ich den dunkleren der beiden Tees später nocheinmal probiere, denn er entwickelt seine volle Kraft erst nach dem vierten oder fünften Aufguss. Ja, ich probiere brav und…

Definitiv harmonisch

Zweieinhalb Stunden später verlasse ich den Laden, das Leben ist schön, es ist schon ein wenig dunkler als vorhin und die vier Amerikaner, die sich an so einen Baumstamm gemacht haben, der hier auf der Straße zum Rauchen angeboten wird (also nicht der Baumstamm, der übrigens einfach nur eine überdimensionale, etwa beingrosse Pfeife ist, die wie ein Fagott aussieht, sondern natürlich der Tabak im Baumstamm!), sehen schon ein wenig anders aus als vorher. Ich frage den zuhaltenden Rauchpagen, was denn da drin sei und er erklaert mir, das sei 云南白药 – in Übersetzung, jetzt bitte festhalten! – weiße Medizin aus Yunnan (!), ob ich probieren wolle? Nein, danke, ich hatte gerade einen Tuo-Tee. Achso, na dann besser nicht! Okay, ciao! (Die Amerikaner sehen mich an und winken mit einem “Heywazzup!” ab.)

Anstatt zurück ins Hotel zu gehen, spaziere ich den Bazar entlang, komme an einer Moschee vorbei, die gleich neben einer katholischen Kirche steht, die gleich neben einem Triumph (!)-Unterwäsche-Laden steht, und biege in die Hauptstraße ab. Von dort wieder links und ich bin mitten in einem Ess… ja, nur mehr Essen, überall. Alle Minderheiten Yunnans – und die halbe Bevölkerung der Provinz ist Minderheit – haben hier ihre Lokale, Stände, Garküchen, etc. aufgebaut, geöffnet, etc. Ich marschiere los und stelle fest, wie wenig Gerüche ich doch erst in meinem Leben gerochen habe: Hier riecht einfach alles anders. Es gibt hier Gerüche, die ich noch nie in meinem Leben gerochen habe, alles in allem scheint sich hier die chinesische mit der indischen, der russischen und der Küche restlicher südostasiatischer Länder zu vermischen.

Kunmings Küchen

Plötzlich hält mich eine Frau an, auf deren Kopf ein, im Vergleich zu ihrem restlichen Körper, gigantischer Kopfschmuck sitzt. Sie will mir irgendwas zu essen andrehen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ich frage nach dem Preis, 3 Yuan (0,3 EUR), also nichts verloren, und: ja. Sie nimmt – hier sind die Bestandteile schon beschrieben, erfahren habe ich es erst, nachdem ich das Ding gegessen habe! – eine Art zusammengerollte Palatschinke, die sehr nach Käse riecht, rollt sie auf (an-drehen!), schmiert irgendwie verflüssigtes Schweinefett drauf, tut dann eine schokoladeartige Sauce drauf, die aber nur so aussieht, in Wirklichkeit irgendein ausgelassenes Mark mit irgendwelchen Gewürzen ist, das Tier hab ich nicht verstanden, lässt dieses Ding dann etwa dreissig Sekunden über glühenden Kohlen warmwerden, rollt es dann wieder ein, diesmal mit einem Stäbchen in der Mitte und gibt mir das Ding in die Hand mit den Worten 很好吃! in imperativem Ton, also: das ist gut, iss jetzt! Und in der Tat, es war eigenartig, aber lecker.

An diesem Ding herumkauend (Notiz: nach dem Namen fragen!) bin ich dann weitergewandert und dann war er da. Einfach so wurde ich mit ihm konfrontiert, wie ich ihn so noch nie gesehen habe, höchstens als Fleischballen in einem Suppentopf: der tote, rasierte Hund. Zuerst sind mir nur neben Enten- und Hühnerkrallen größere Krallen aufgefallen, die irgendwie keinem Vogel zuzuteilen waren, ein Blick weiter links ließ dann keine Zweifel mehr offen: Hier vor mir lag ein in zwei Hälften gespaltener Hundekopf, vom Rest des Körpers getrennt, dort die Läufe, hier die Rippen, dort der Schwanz. Die Pfoten gab’s zum Herumkauen für die Kinder auch noch. Ein eigenartiger Anblick, aber nicht viel eigenartiger als das danebenliegende Schaf, dort das halbe Schweindl und daneben im Kübel etwa dreihundert Krebse, dahinter zwanzig Fische. Alles im Endeffekt Essen. Ich war im Süden Chinas angekommen.

Expert-Building, 6:55 Uhr

Ein Skandal. Erwachen ohne von der Sonne geblendet zu werden. Frühstück ohne Probleme. Verdauung in Ordnung. Sogar das Wasser schmeckt nur halb-faul. Es ist heiß und feucht hier in Shaoxing. Die Gruppe leicht gereizt, was sich im Laufe des Tages noch auswirken wird: das Essen wird zur Zumutung, das Ausloggen am Rechner während ein E-Mail geschrieben wird zum berechtigten Grund die Tastatur zu vernichten.

Der Parteienverkehr in den Konferenzräumlichkeiten muss minimiert werden. Der erste Antrag des heutigen Tages hat das Freiheits-Package der Studenten zum Thema: Sind sie versichert? Ist mir klar, dass die Universität keine Haftung übernimmt, falls etwas passiert? Weiß ich, dass gestern in der Nacht noch eine Gruppe in Richtung Stadtzentrum marschiert ist? – Antrag wegen Unklarheit (oder Sowieso-Klarheit) abgelehnt. Nächster Antrag: Modifikation des Stundenplans. Aus eineinhalb Stunden Internet sollen zweieinhalb Stunden gemacht werden. Genehmigt. Verschieben des Parkbesuchs um eine Stunde (dritter Antrag). Genehmigt. Abänderung des Servicemodus beim Mittagessen (vier). Genehmigt, probeweise. Antrag auf Klärung der Verfügbarkeit von Versicherungen bei den Teilnehmern. Genehmigt. (…)

Der Vormittag verläuft bis auf obig Genanntes ruhig. Das Mittagessen gestaltet sich aufgrund des neuen Servicemodus als Zumutung. Der Unmut der Gruppe darüber ist zu spüren. Die ersten Teilnehmer sehen kränklich aus. (Anmerkung: Ein Hoch auf Supradyn!) Der Besuch im Computerraum gestaltet sich ebenso als Zumutung an Nerven, Schweißdrüsen und Gewand: Susanne klebt am Sessel (seit wann klebt Schweiß so gut?) und flucht über ihr mieses Mailkonto, das nach der literarischen Leistung (Nachtrag Susanne: Fast eine DIN A4-Seite!) kurzum abgeschmiert ist!

Nachtrag: Susannes Mail wurde abgeschickt. Sie freut sich, Endorphine steigen auf. Sie scrollt am Bildschirm auf und ab, um mir ihr Werk (Opus Susanne!) vorzuführen. Super. Echt.

Für heute: Wahnsinn Ende. Ach ja. Ich hab mir ein Rad gekauft. 21 EUR.