Falsche Freundschaft

William Deresiewicz zeichnet ein tristes Bild über das, was wir heute Freundschaft nennen, indem er die Bedeutung von Freundschaft von der Antike bis in die Facebook-Gegenwart aufzeigt.

We have ceased to believe that a friend’s highest purpose is to summon us to the good by offering moral advice and correction. We practice, instead, the nonjudgmental friendship of unconditional acceptance and support—”therapeutic” friendship [pdf], in Robert N. Bellah’s scornful term. We seem to be terribly fragile now. A friend fulfills her duty, we suppose, by taking our side—validating our feelings, supporting our decisions, helping us to feel good about ourselves. We tell white lies, make excuses when a friend does something wrong, do what we can to keep the boat steady. We’re busy people; we want our friendships fun and friction-free.

Dieser Artikel ist ein unbedingtes Muss für all diejenigen, deren soziales Leben sich mehr on- als offline abspielt. Und für alle anderen auch.

Wenn Hinweise zu Consultingdienstleistungen werden

Ich habe, nachdem mein Artikel “Keine gratis Serviceleistungen mehr!” online gegangen ist, den Gedanken des Artikels weiter entwickelt, mit Freunden, Kollegen und Bekannten darüber diskutiert und für ein wenig Aufruhr und Kritik aber auch Lob und Zustimmung in meinem Umfeld gesorgt. Ebenso, wie ich Microsoft und anderen Firmen mein Wissen (und meine Arbeitskraft) nicht mehr schenke, stelle ich es auch niemandem, der damit finanziellen Gewinn erzielen will, kostenlos zur Verfügung. Für mich ist das ein großer Schritt, denn wer im Web sozialisiert wird, ist altruistisches Handeln gewöhnt; es wirkt fast schon schäbig, für Informationen und Wissen Kompensation zu verlangen.

Doch genauso, wie ich mich über Kopien meiner Artikel ärgere, stört es mich, wenn meine Ratschläge und Hinweise gewerblich weiterverwendet werden, vor allem, wenn sich das Verhältnis der Kosten von Informationserwerb in einer enormen Schräglage zum Verkaufswert dieser Information befindet: Wenn mich jemand unter dem Deckmantel der Freundschaft zum Essen einlädt und diese Person mit den Informationen, Meinungen und Ratschlägen, die ich während dieses Essens mitteile, respektable (finanzielle) Gewinne erzielt, meine Leistung aber als (kostenloser) Freundschaftsdienst angesehen und meine gegenteilige Meinung als Affront gegen die Freundschaft verstanden wird, dann ist das schäbig! Die Reaktion? Hinweise, Meinungen und Ratschläge werden diesen Freunden Personen überhaupt nur noch gegen monetäre Kompensation erteilt und sie mutieren in meiner Wahrnehmung zu Geschäftspartnern.

In bestimmten Fällen nennt man das Consulting; und man kann damit viel Geld verdienen.

Streiten neben dem Grund

Kennen sie das, wenn sie streiten und nach nur zwei oder drei Sätzen draufkommen, dass es schon gar nicht mehr um den strittigen Punkt geht, sondern um völlig andere Dinge, die eigentlich nebensächlich sind und zur Problemlösung nicht beitragen? Sicherlich kennen sie das! Und ich möchte an dieser Stelle wetten, dass sie diese Streitereien nicht nur mit Partnern auf emotionaler Ebene hatten, sondern auch mit Kollegen auf professioneller! Und mir geht es da nicht anders. Interessant bei solchen Streitereien ist natürlich, wenn sie aus einer Person den eigentlich strittigen Grund hervorlocken. Problematisch ist es, wenn dieser sich mit ihrem eigenen nicht deckt. Noch problematischer, wenn ihr Gegenüber nicht zuhört oder einfach nicht verstehen will, was ihr Anliegen ist. In so einem Fall suchen sie sich einen anderen Partner, denn was auf Egoismus oder Sturheit aufbaut, hat keine Zukunft. Vielleicht zerbröseln deshalb auch Partnerschaften.

Monogamie?

Bad Relationship

Vor knapp zweihundert Jahren konnte man ja nicht ahnen, dass eines Tages Ehen rechtmäßig geschieden oder Homosexuelle in (ehelichen) Partnerschaften leben würden. Bildnerische Kunst, die abstrahiert wird, Musik, die frei interpretiert wird und sich an keine Schule mehr hält, Literatur, die an keinerlei Konventionen mehr gebunden ist; all das war unvorstellbar und doch haben wir diese Entwicklungen bis zum heutigen Tag mit- und durchgemacht. Es gibt allerdings Bereiche unseres Lebens, die sich scheinbar — unberührt von jeglichem Fortschritt — nicht verändert haben. In Fragen der Ästhetik, der Moral, familiärer Ideale oder partnerschaftlicher Zugehörigkeiten sind wir am Stand des frühen 19. Jahrhunderts. Während Zukunftsforscher über potentielle Machtkämpfe dieser und jener Akteure Weissagungen treffen, sich abzeichnende Konflikte und neue Technologien vorauseilend analysieren und deren Einfluss auf unsere Gesellschaftsstrukturen kundtun, schweigen sie sich über Neuformulierungen und Änderungen unserer moralischen und ästhetischen Vorstellungen aus. Die scheinen, so wirkt es zumindest, sich auch in nähester Zukunft nicht zu ändern, oder hat die werte Leserschaft schon irgendwo über neue Konzeptionen der moralischen Begriffe Gut und Böse, akzeptabel und inakzeptabel, Schönheit und Hässlichkeit gelesen oder gehört? Nein! Doch genau diese Vorstellungen werden sich ändern.

Monogamie als gesellschaftliche Konvention

Die Monogamie, in ihrer momentanen Definitionsform letztlich nur eine ziemlich gut zur Operationalisierung anwendbare soziale Konvention, wird in ihrer jetzigen Form nicht überleben. Sehen wir in die Geschichte und in die Gegenwart, dann stellt sich uns sehr rasch die Frage, ob Monogamie eigentlich jemals tatsächlich gelebt wurde. Sie wurde nicht gelebt, niemals und zu keiner Zeit durchgängig, und bald schon wird sie auch als Ideal verschwinden. Auch wenn es ein Teil unseres gedanklichen Kolosses nicht erlaubt, polygamisch zu leben, hat ein anderer Teil damit keine Probleme. Der Wert der Monogamie ist also ein rein fiktiver, sogar in seiner Metaebene.

Ich glaube nicht, dass unsere Gesellschaft zur Polygamie zurückkehren wird. Stattdessen werden wir uns wiederfinden in einer völlig neuen Konzeption von sentimentalen und Liebesbeziehungen (Plural!), denn nichts verbietet einer Person mehrere Personen gleichzeitig zu lieben. Die Beibehaltung einer solchen, einer monogamischen Lebensweise wird heutzutage hauptsächlich aus ökonomischen Gründen forciert, denn nur so funktioniert der Warenverkehr auf einer kleinen Einheit aufbauend (und nicht auf einer Unzahl an Individuen); des weiteren schützt natürlich eine monogamische Lebensweise vor allem Frauen vor männlichen Exzessen.

Medien schaffen neue Wirklichkeiten

Doch dieses Begründungsmuster zum Aufrechterhalt einer überkommenen und niemals gelebten Beziehungsform verschwindet. Durch die sich rasend schnell und uns mit Unmengen an Informationen versorgenden Massenmedien, sowie das Aufkommen seelisch-exhibitionistischer Websites, werden wir mit einem Menschheitsbild konfrontiert, das alles andere ist als monogam. In unzähligen Blogs kann man über diverse Liebesbeziehungen der Autoren und Autorinnen zu verschiedenen Personen lesen, in nahezu allen Fernsehsendungen ist dasselbe Thema anzufinden. Die Ideale der Demokratie und des freien Marktes beginnen sich als Leitmotive allmählich auch auf unser Denken und unser Leben auszuwirken. Unser Leben? Wir sind konfrontiert mit einer neuen Realität, die uns mehrere Leben zuteil werden lässt, mehrere Identitäten und eben auch mehrere Partner; die offensichtliche Scheinheiligkeit eines streng monogamen Daseins wird aufgedeckt. Ein andauernd steigender Level individueller Freiheiten wird Veränderungen in Vorstellungen unserer Sexualmoral hervorrufen, wie auch Veränderungen in sämtlichen anderen Gebieten: Wirtschaft, Religion, Alter, Jugend, Wahlrecht, alle!

Biologie schafft neue Wirklichkeiten

Hinzu kommt noch, dass die im Gegensatz zu früher auch stark erhöhte Lebenserwartung es nahezu schon fast unmöglich macht, sein Leben mit nur einem einzigen Partner, den man liebt, zu verbringen. Neue Technologien, die den natürlichen Zusammenhang von Liebe, Sexualität und Fortpflanzung entkoppeln bedingen eine Auseinandersetzung mit diesen drei Teilbereichen als voneinander getrennt. Praktisch gesehen, hat das Aufkommen von Verhütungsmitteln schon einmal dazu geführt, dass sich einer der Hauptgründe gegen mehrere Partner – das Kind – in Luft aufgelöst hat.

Genaugenommen ist die Definition von Monogamie gar nicht so streng, da sie zwar die Gleichzeitigkeit mehrerer Beziehungen verbietet, nicht aber das Aufeinanderfolgen derselben. Warum sollten also Gesellschaften, die heute bereits aufeinanderfolgende (Liebes-) Beziehungen akzeptieren, nicht bald auch in rechtlichen wie auch moralischen Belangen gleichzeitige Liebesbeziehungen tolerieren und in weitere Folge akzeptieren? Sowohl für Männer als auch für Frauen wird es ohne Einschränkungen möglich werden, Beziehungen mit mehreren Menschen zu haben, die wiederum ebenso mehrere Partnerschaften haben werden. Im Endeffekt werden wir erkennen, dass es im Wesen der Sache menschlich ist, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben.

Probleme

Der Niedergang und die Auflösung eines moralisch-rechtlichen Konstrukts wie der Monogamie wird naturgemäß nicht ohne Schwierigkeiten vonstatten gehen. Besonders die Religionen (oder deren Kirchen) werden versuchen, den Untergang eines mühsam aufgebauten Idealtypus zu verbieten, vor allem werden sie es Frauen verbieten und mit dem Argument der Fortpflanzung und der Vater-/Mutterschaft aufwarten. Sie werden sich mit dieser Begründung nicht lange halten können, wenn auch die Entwicklung lange hinauszögern. Doch auf lange Sicht, werden auch sie nicht viel bewirken können und die individuelle Freiheit wird am Ende ihren Triumph feiern.

Europa wird voranschreiten, Amerika folgen und vielleicht danach der Rest der Welt, irgendwann. Die Auswirkungen eines solchen Wandels werden gewaltig sein, ähnlich eines gesellschaftlichen Revolution. Beziehungen, aus denen Kinder hervorgehen, müssen radikal umgedacht und neu konzeptioniert werden, finanzielle Arrangemenst, wie sie bislang gegolten haben, müssen neu formuliert und überdacht werden; auch unsere Lebensweise und der Ort, an dem wir leben, wird sich dadurch ändern.

Der Weg weg von der Monogamie ist bereits vor zweihundert Jahren eingeschlagen worden, doch wird es noch lange dauern, bis wir am Ziel angelangt sind. Hinter der fadenscheinigen Moralkompetenz von Filmen, Romanen und Musikstücken ist die Silhouette unserer Zukunft aber schon zu sehen.

Dies ist eine Übersetzung und Erweiterung des Artikels Monogamy. Here Today, Gone Tomorrow von Jacques Attali.

Auffinden chinesischer Freunde

Es ist nicht unbedingt leicht innerhalb kurzer Zeit in einem fremden, kulturell völlig andersartigen Land Freunde zu gewinnen. Bekanntschaften, flüchtig, freundlich, aber auf neutralem Level: ja, aber Freunde mit denen man streiten, lachen, heulen und denen man Dinge anvertrauen oder sie um etwas bitten kann: nein. So würde ich die Aussage für Österreich stehen lassen. Wie sieht es in China aus? Eigenartig, wirklich eigenartig, denn in China, soweit ich das jetzt beurteilen kann, verschwimmen die Grenzen unserer westlichen Vorstellungen von Freundschaft: Da kann man schon mal eine flüchtige Bekanntschaft um einen Gefallen bitten, der dann mit der Qualität erledigt wird, die bei uns Freundschaft an den Tag legen würde, andererseits fühlt man sich im Hafen der Freundschaft sicher ruhend, kann es sein, dass sich selbige plötzlich als flüchtige Bekanntschaft entpuppt. Mit diesem Hin und Her bin ich also momentan konfrontiert und muss mich wirklich an diesen Zustand gewöhnen. Kultur und Eigenart, ich hätte eure Einflüsse niemals so stark geschätzt!

Österreicher? Oder doch lieber Chinesen?

Zu meiner Lage gesellt sich noch ein persönlicher Wunsch dazu: ich möchte nämlich meinen Freundeskreis nicht im Umfeld westlicher Bars und westlichen Lebens hier in Shanghai machen, sondern womöglich den Spagat zum chinesischen Leben schaffen und genau dort so angenommen werden, dass eine Freundschaft entsteht, die gemischten (nämlich chinesisch-österreichischen) Ursprungs ist und nicht rein westlichen Ursprungs. Es genügt mir auf der Straße westliche Männer mit chinesischen Frauen herumspazieren zu sehen, deren einziges Ziel, auf das sie sich auch tatsächlich durch das Studium der Sprache und der gängigen Rituale vorbereitet haben, es ist, China gen Westen zu verlassen. Das ist Benutzen und keine Freundschaft (und genauso verabscheue ich jene westlichen Männer, die genau das ausnutzend in Asien eine angenehme Zeit verbringen und sich dann, posierend mit ihren “Eroberungen” auf unendlich vielen Fotos prahlerisch darstellen). Es ist das Ganze eine Sache, die man vielleicht unter Aspekten saidschen Orientalismus sehen muss, damit es Sinn macht, aber was soll’s. Außer, dass ich Verachtung zeige, kann ich auch schon nicht mehr tun.

Ich habe Kollegen (und Kolleginnen), deren erstes Ziel, sobald sie in Shanghai waren, es war, Österreicher in Shanghai zu treffen! Für mich bricht bei einem solchen Gedanken die Welt und der Inbegriff des Urlaubmachens zusammen, aber bitte, macht doch was ihr wollt!

Anonymisierung: die andere Seite

Die Schwierigkeit, nämlich das Auffinden chinesischer Freunde, kann schnell zur Unmöglichkeit werden, vor allem, wenn man in einem Umfeld wie Shanghai, einer Großstadt, die sowieso zur Anonymisierung neigt, lebt. Unter Aufgabe einiger Gewohnheiten, die man aus dem Westen mitbringt, kann es doch gelingen in das Chinesentum einzudringen und irgendwann so behandelt und akzeptiert zu werden, dass man zwischen einem selbst und anderen Chinesen keinen Unterschied mehr merkt (mit Ausnahme der etwas deutlicheren Sprache, die man zu hören bekommt, wenn man nicht sofort pariert)! Und dann bekommt man plötzlich intime Details zu hören, die genau das von mir beschriebene Problem von der anderen Seite her beleuchten, von chinesischer nämlich. Und hier stellt sich eine Eigenschaft der Besucher zu den Problemen dazu, die es Chinesen sehr schwierig macht, sich so zu verhalten, wie sie es Freunden gegenüber tun würden. Diese Schwierigkeit ist der (unvermeidbare und teilweise unbewusste) Chauvinismus, den Besucher an den Tag legen, wenn sie nach China kommen. Und jeder, der schon einmal da war, möge jetzt in sich gehen und darüber nachdenken, ob es da nicht vielleicht irgendwann einen Moment gegeben hat, in dem man mit dem Hintergedanken einer prinzipiellen Superiorität der Heimat (oder der eigenen Person) seinen Wunsch, seine Beschwerde oder seine Aussage einem Chinesen gegenüber getätigt hat.