Sonntagsarabesken

Dominik Mascheks Sonntagsarabesken

Sonntagsarabesken #144

Sie rief ihn an, sobald sie aus dem Flugzeug gestiegen war. Es läutete. Einmal. Zweimal. Dann hob er ab. Ihr Magen verkrampfte sich, als der erste Ton seiner dunklen Stimme ihr Ohr traf. Den ganzen Flug über hatte sie sich diesen Moment ausgemalt. Nein, eigentlich schon seit mehr als einer Woche. Beim Warten auf ein [...]

Sonntagsarabesken #143

Wie bewegt sich die Erinnerung? Fließt sie in langsamen Bahnen bergab, ruhig und bedächtig aber zugleich drohend und tödlich wie ein Lavastrom? Oder bahnt sie sich ihren Weg von unten durch die sedimentierte Lebenskruste einer Existenz, deren Oberfläche sich zu keinem Zeitpunkt wirklich zu festigen vermag? Auf den Abschweifungen in das Spiegelkabinett der vergangenen Zeit [...]

Sonntagsarabesken #142

Könnte ich Dich lieben? Ohne Dich zu begehren? Wie wäre das möglich? Wäre es überhaupt möglich? Die Stunde ist vorbei, die Minute, in der Du an meiner Seele vorbeigestreift bist, flüchtig und schön, unfaßbar und doch zugleich so greifbar wie nie zuvor und nie danach. Du bist wie ein im Licht verrinnender Schatten, eine Mischung [...]

Sonntagsarabesken #141

Die Stadt ist ein Gefühl, das langsam wieder in meinem Körper erwacht. Sie kriecht mir unter die Haut, sie breitet sich aus in meinem Blut, sie füllt meine Nase mit ihrem Duft. Kühler Wind vom Meer, der manchmal Regenwolken mit sich trägt. Doch die Dachziegel sind noch warm von der Vormittagssonne. Die Hecken blütenüberwuchert. Und [...]

Sonntagsarabesken #140

Ein schwarzer Punkt zwischen den tief liegenden kleinen Augen der kühn gekerbten, umschatteten Fassade; kaum bewegt er sich, das schmale Gesims entlang balancierend, und noch hat keiner der tief unter ihm dahin eilenden oder in der Straßenbahn sitzenden oder sich an den Tischen des Stehcafé unterhaltenden Menschen ihn bemerkt. Spitz ragt der gewaltige Klotz in [...]

Sonntagsarabesken #139

Es ist genug. Genug der unbegründeten Ängste, der unnötigen Gespräche und der unergründlichen Gedanken. Kälte kriecht hier durch alle Ritzen. Winter. Die Worte erfrieren, werden unterdrückt, hinuntergeschluckt, erreichen nicht einmal die Lippen des Sprechers. Es gibt ohnehin niemanden, der sie hören könnte. Zeit, sich aus dem Hier fortzudenken, den Strudel der Zeit zu verlassen, den [...]

Sonntagsarabesken #138

Er hatte das gute Gefühl, nichts sei unerledigt geblieben. Die Fenster waren gegen den drohenden Regen geschlossen, die Vase mit den dreizehn Rosen auf den Tisch gestellt, die Frau zum Abschied geküßt und die Türe doppelt versperrt worden. Auf der Schwelle hatte er sich noch einmal umgewandt, einen kurzen Blick in den Spiegel geworfen und [...]

Sonntagsarabesken #137

Das Schiff, ein schwarzer Punkt am Horizont. Es trägt Dich fort von mir. Die Sonne wärmt Deine Schultern, während Du am Heck stehend meine Gestalt aus dem Blick schon seit einiger Zeit aus dem Blick verloren hast. Kühler Wind läßt mich frösteln. Viel wurde geschrieben, gesagt und gedacht über die grausame, zersetzende Macht von Entfernungen. [...]

Sonntagsarabesken #136

Drei Männer saßen auf der Terrasse. In bequemen Korbstühlen, mit Blick auf den Sonnenuntergang. Die Sonne: Ein roter Ball, der wie schmelzendes Kupfer auf dem ölig schwarzen Spiegel der Bucht zu zerfließen begonnen hatte. Kein Wind. Keine Wellen. Die Brandungslinie bloß ein dünnes schaumiges Band, fast geräuschlos das Kommen der Flut. Der Rechtsanwalt sah das [...]

Sonntagsarabesken #135

Die Sonne bricht durch dunkelgraue Wolken. Ein kurzer Moment intensiv erlebter Schönheit, doch nicht von Dauer: Das Licht erstirbt wieder. Die Wärme auf seiner Wange schwindet. Ein kühler Windstoß bauscht die Vorhänge. Es ist wieder alles wie zuvor. Sein Herzschlag normalisiert sich. Die Atemzüge werden gedämpft, sich dem Rhythmus des in quälender Gleichmäßigkeit ablaufenden Tagesgewebes [...]

Sonntagsarabesken #134

Liebe. Bis in die entlegensten Winkel und Schluchten, an die entferntesten Strände und Bergflanken dringend, den Raum um und zwischen uns vollständig füllend. Das wunderbarste und ergreifendste Gefühl, das ich je hatte, durch Deine Abwesenheit aus dem ewigen Fluß der Zeit herausgeschnitten. Die Tage ohne Dich wollen nicht vergehen. Ohne Dich stocken die Stunden, bewegt [...]

Sonntagsarabesken #133

Zwei Schatten tanzen an den sonnendurchglühten Sandsteinquadern der Hausfassade entlang. In kreiselnden, vorwärts drängenden, dann wieder zögernden, innehaltenden, vom Anderen trinkenden, sich ineinander verlierenden Bewegungen, die flüchtige Linien aus Sternenstaub zu ziehen scheinen. Mit einem Mal lösen sich die schlecht geklebten Schichten der verlorenen Zeit unter der Sommerhitze von einander ab, eine träge kriechende Flut [...]

Sonntagsarabesken #132

Aus dem Fenster blickend, den Rücken der Stadt mit den Augen berührend, sich an den Kanten und Unebenheiten der Dächer entlang tastend; den grau gefleckten Himmel betrachtend, der die Konsistenz von Quecksilberdampf zu haben scheint. Ein kühler Luftzug streicht über meine Wange. Leere hat sich durch die Wohnung gebreitet. Sie ist Hand in Hand mit [...]

Sonntagsarabesken #131

Im Raum schwebt das Bild eines Bildes. Mit gesenktem Kopf wartet die Göttin auf das Nahen des Unwetters; schwarze Wolken schieben sich in brutalem Wirbel über den Himmel, ballen sich zusammen wie eine zum Schlag bereite Faust, regenschwanger, blitzbeladen. Es ist der Augenblick, der Lidschlag, kurz bevor die Hölle losbricht. Die Zeit, auf die eigenen [...]

Sonntagsarabesken #130

Aus ihrem Traum aufgeschreckt, leichenblaß, umklammert sie vermeintlich das Handgelenk des Geliebten, in Wahrheit doch nur die Finger in den eigenen Oberschenkel grabend. Sie hört die sich über Stock und Stein verfolgenden Stimmen, sich in unzähligen Salti überschlagend; sie sieht den Schatten des Kentauren, der mit mächtigen Schritten in den Hohlweg prescht. Tausende Zikaden untermalen [...]

Sonntagsarabesken #129

Ich höre Deine Atemzüge. Gleichmäßig, ruhig. Ich bin zufrieden. Denn ich liebe Dich. Solange Du bei mir, in meinen Gedanken, an meiner Seite bist, solange Du mich berührst, meine Seele streichelst, mich zum Lachen bringst, solange bewegt sich die Welt unbeirrbar in ihrer Bahn. Im Zentrum des Sturms stehen wir, in ewiger Umarmung, und spüren [...]

Sonntagsarabesken #128

Warum quälst Du mich? Warum quäle ich mich selbst? Wie ein Verrückter renne ich durch die sommerschwülen Gassen, zwischen den Gitterstäben meines gläsernen Käfigs gefangen. Ich habe alles Verlorene wieder gefunden geglaubt; doch der Sand des Glücks ist im Stundenglas verronnen, unerbittlich. Tage schwinden dahin, unter den Augen eines mächtigen Gottes, eines Gottes der Liebe, [...]

Sonntagsarabesken #127

Sie geht das Ufer entlang, langsam, die frische vom Wasser aufsteigende Luft atmend. Sie achtet auf das kleinste Geräusch, spürt, wie sich ihre Lungen füllen, fühlt sich stark, unverletzbar, an diesem verzauberten Ort, der sich seit ihrer Kindheit nicht verändert zu haben scheint. Bei den großen Granitfelsen, die sich wie Schildkrötenpanzer aus der glitzernden, wellenlosen [...]

Sonntagsarabesken #126

Ein Augenaufschlag genügt. Er glaubt den Blick zu erkennen, der sich in schräger Bahn, von der Höhe des obersten Treppenabsatzes herab, wie ein dunkler Pfeil den Weg in seine Magengrube bahnt. Ein Lächeln, schwacher Reflex auf porösem Stein. Die Stadt belebt sich mit Gespenstern, fahlen Schattengestalten, die in seltsam schwebender Prozession die scheinbar Wiedergefundene flankieren; [...]

Sonntagsarabesken #125

Verrat. Eine einfache Geschichte: Unversöhnlicher Haß, der aus rücksichtsloser Leidenschaft entspringt. Zwei Stimmen, die sich zuerst in beleidigenden Tiraden überschlagen; dann Stille. Plötzlich. Eisig und tödlich. Was ist geschehen? Halten die Geister kurz inne, bevor sie mit der eigentlichen mörderischen Beschäftigung, mit dem Kampf, beginnen wollen? Oder hat die Welt den Atem angehalten? Verrat kleidet [...]

Sonntagsarabesken #124

Ich schreibe gegen die Panik an. Die Panik, die Du mir bereits mehrmals verboten hast. Verbote wirken bekanntlich nicht, schieben das Wesentliche nur kurz aus dem Blickfeld, treten es in die weiche Oberfläche der gelebten Tage. Dort wühlt und raschelt es weiter, immer stärker, und bricht irgendwann einmal wieder hervor. So wie jetzt. Gestärkt und [...]

Sonntagsarabesken #123

Ein vertrauter Geruch, wie ein vertrautes Wort, eine Stimme, die sich durch die nachtschwarzen Windungen ihres Gedächtnisses schält. Es war die Macht des Schicksals, die das Bewußte von der Klarheit geplanter Zeit geschieden hat. In hastigen Worten ist das erklärt, während sich der Abschied hinzieht, sich verzögert, das Ankommen noch in Erinnerung, das Gehen noch [...]

Sonntagsarabesken #122

Ich habe einen Gedanken, der ganz mir gehört. Die roten Lampions schwingen aufgeregt in spätwinterlichem Sturm. Auf der Brücke ist es eisig kalt. Blauer Rauch schraubt sich aus hohen Schlot in schräg gewundener Säule in den Nachthimmel. Schwarzes Irgendwas, mit wenigen Sternen bestickt, zerfurcht von den hektisch fliehenden Lichtern der Stadt, rot und gelb und [...]

Sonntagsarabesken #121

Echo einer verlorenen Welt: Worte des hinter dichten Dunstschleiern verschwundenen Jahres, die durch den Zauber damals noch nicht zu ahnender Liebe viel an Gewicht verloren haben. Das Frühlingslicht kehrt wieder und wieder; es schwindet, löst sich auf in der gierigen Hitze des Sommers, lebt weiter unter dem golden schimmernden Rost des Herbstes, zittert sich durch [...]

Sonntagsarabesken #120

Tanzen auf eisbedecktem Asphalt. Die Schritte beschreiben ein undurchsichtiges Muster, ein Netz, das keinem nachvollziehbaren strukturellen Prinzip zu gehorchen scheint. Schneebrocken im Mantelkragen, geschmolzen in aufgeregter, zarter, ungewisser Liebe, die sich unter dem unbarmherzigen Druck der Zeit in etwas Perfektes verwandelt hatte, makelloser Diamant aus unvollkommenem Kohlenstaub. Schwarze Gesichter blicken gemeinsam zu einer gnädigen gelben [...]

Sonntagsarabesken #119

In der Wohnung ist es dunkel und eisig kalt. Er geht langsam in die Küche und öffnet das Fenster. Das regennasse Pflaster des Innenhofes zeigt sich mit rostbraunen Blättern beklebt. Sein Blick taumelt in die Tiefe, fällt in den Abgrund, den schüchtern glitzernden Spuren hinterher, die ein luftig leichter Fuß auf gläserner Leiter hinterlassen hat. [...]

Sonntagsarabesken #118

Er sah es ihrem Gesicht an. Er sah es der Drehung ihrer Schulter an. Er sah und wußte es im selben Moment. Sein Blick schweifte in die Unendlichkeit ab, aus Verzweiflung ziellos geworden, denn wo Worte nichts mehr vermögen sind auch Blicke ihrer Macht beraubt, vor allem, wenn sie unerwidert bleiben. Seine Gedanken begannen bohrend [...]

Sonntagsarabesken #117

In den Augenblicken, die man glücklich verbringt, in denen man in Glück ertrinkt, sich treiben läßt, sein Inneres an die Außenhaut geheftet trägt, sich verwundbar dem Tag darbietet, in Deinen Armen liegend, an Deiner Schulter dösend, kann man sich nichts Schöneres vorstellen und keine Steigerung und kein Ende. Man schwebt vorstellungslos, hoffnungslos weil wunschlos im [...]

Sonntagsarabesken #116

Alte Stadt aus Rosenstein. Während hier noch die glitschigen Fäden unterkühlten Lichtes aus den Ritzen grauer Wolkendecke hängen, wirbelt ein Sturm der Bilder den ölig glatten Fluß von unten her auf, und der Schlamm verlorener Tage tritt an die jäh zerknitterte Oberfläche. Das Träumen des Unträumbaren war, so wird dem schockierten Beobachter jetzt schlagartig klar, [...]

Sonntagsarabesken #115

Er will nicht mehr hören, das Geräusch des fallenden Regens durchdringt ihn, das Prasseln der Wassertropfen auf dem winterlich eisbedeckten Dach, von keuchendem Kinderlachen unterlegt; er denkt sich hinaus auf die Weite einer feucht glänzenden Nachtautobahn, deren schartige Haut von den huschenden Lichtern motorisierter Glühwürmchen in unregelmäßigen Abständen erhellt wird. Dort will er bei rasender [...]

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