Am Tag der Abreise aus Lopburi, M und ich warteten auf einem kahlen Bahnhof auf den verspäteten Zug nach Ayuthaya, begann ein kurzes Gespräch über die Themen Beziehung, Partnerschaft und Kinder. M war wenige Tage zuvor 28 Jahre alt geworden und rückte damit dem Alter, das sie selbst als fürs Kinderkriegen richtig erachtete – “Anfang Dreißig” – näher. Das Gespräch wandelte sich rasch zur Diskussion und sehr bald schon fand ich mich nicht mehr im Austausch verschiedener Sichtweisen vor, sondern in der emotional-aggressiven Verteidigung eines Lebensstils, dessen Kern die Beziehung nicht zum eigenen Partner ist, sondern die Beziehung zur eigenen Mutter.
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Inhuman oder Doppelmoral?
Als ich im Rahmen meines Thailandaufenthalts nach Kanchanaburi kam, war ein Besuch des Wat Pa Luangta Bua, dem Tempel in dem Touristen Tiger im Freigehege besichtigen können, für mich von Beginn an keine Option. Ich wollte die Stadt und die Brücke am Kwai fotografieren, die Tempelanlage zu besuchen fand ich nur wenig verlockend: Dass wilde Tiger allein durch die Präsenz von Mönchen und durch spirituelle Kraft zahm werden, schien mir doch zweifelhaft. Dennoch kam ich nicht aus, einem festgezurrten Wildtier zu begegnen und daraufhin von einem Touristen gemaßregelt zu werden.
Auf einem Marktstand am Weg zur Brücke am Kwai wird ein Safaripark in der Umgebung der Stadt beworben. Um das Entzücken und die Vorfreude zu steigern, kann man – gegen eine Spende von 100 Baht – mit einem auf einem Tisch präsentierten Leopardenjungen (siehe Foto) oder einem Tigerbaby posieren und sich dabei fotografieren lassen. Ich selbst wäre an diesem Marktstand vorbeigegangen, meine Reisebegleitung M jedoch wollte ein Foto mit beiden Tieren haben und bezahlte die 100 Baht.
Nachdem ich einige Fotos von M und den Tieren geschossen hatte, kam ein englischsprachiger Tourist auf mich zu und fühlte sich bemüßigt, mich über die inhumane Haltungsweise dieses Leoparden und über mein diese Haltung förderndes Tun aufzuklären. Ich widersprach ihm nicht, ganz im Gegenteil, ich bestätigte seine Wertung über den angeketteten Leoparden als inhuman und widernatürlich und ergänzte seine berechtigten Zweifel um die Erfahrungen, die M im Tiger-Tempel gemacht hat: Auch dort ist es keineswegs so, dass sich die Tiere „frei” bewegen können, ganz im Gegenteil. Sie sind entweder mit ebenso kurzen Leinen angekettet oder werden von mehreren Mönchen und lokalen Tierwärtern flankiert in ihr Gehege eskortiert. Davon schien der Tourist nur wenig wissen zu wollen und schoss sich auf mich und meine Fotos ein. Der Grundtenor: Ich fördere mit meinen Fotos dieses Tieren gegenüber inhumane Verhalten der Thailänder.
Für gewöhnlich nehme ich Menschen, die sich in moralischen Belangen in mein Tun einmischen und mich bestimmter Werte erinnern, sehr ernst und versuche, ihre Argumente auf das Zusammenspiel mit bereits vorhandenen Grundpfeilern meines Denkens zu überprüfen und damit in Überzeugung zu wandeln oder aus Überzeugung abzulehnen. Zum ersten Mal jedoch konnte ich die Argumente des Touristen in dieser Situation zwar akzeptieren, aber nicht in den Kanon meiner Überzeugung aufnehmen, da mir sein Hintergrund und die Motivation seines Tuns äußerst fraglich erschienen. Würde dieser Mann den Bummelzug über die Brücke am Kwai ebenso kritisieren? Zu McDonald’s oder KFC gehen und dort die Massentierhaltung anprangern? Wohl kaum. Aber hier in Kanchanaburi, weit weg von der eigenen Haustüre, sind die Vorzüge der westlichen Zivilisation besonders moralischer Natur.
Und dennoch.
War es falsch, ein Foto für jemanden zu machen, der mit den Tieren posieren wollte? Hätte ich ablehnen und eine andere Person bitten sollen, die Fotos zu machen? Ist es falsch, solche Situationen fotografisch einzufangen? Hätte ich M vom Foto mit den Tieren abhalten sollen? Soll ich als Fotograf neutral sein und die Wertung der Situation den Betrachtern der Bilder überlassen? Oder soll ich mich aktiv ins Geschehen einmischen und die Situation kritisieren? Letzten Endes repräsentieren wir beide, der Tourist und ich, einen Kulturkreis, der im Umgang mit Tieren von einer entsetzlichen Doppelmoral gezeichnet ist, die das Komik von Pawel Kuszinski so treffend darstellt. Was sollte ich, und damit ist die ethische Frage formuliert, was sollte ich tun?
Bangkok Sightseeing um 10 Baht?
In der Nähe des Palasts wurden wir von einem findigen Verkäufer angesprochen, der uns eine Tuktuk-Fahrt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Bangkoks, darunter auch die 30 Meter hohe Buddha-Statue, fahren und dafür nur 10 Baht verlangen würde. Was nicht nur im Lonely Planet als Touristenfalle (“Scam”) angeführt wird, ist eigentlich auch mit dem Hausverstand als solche zu erkennen: Eine gewöhnliche Fahrt mit dem Tuktuk in Bangkok kostet nur in den seltensten Fällen weniger als 50 Baht, insofern musste hier etwas faul an der Sache sein. Dennoch drängte Magdalena darauf, die weiteren Sehenswürdigkeiten nicht zu Fuß, sondern in diesem Tuktuk zu besichtigen. Ich willigte – von der Lust am Scheitern und der Neugier auf den Ausgang der Sache getrieben – ein.
Die Fahrt mit dem Tuktuk war unspektakulär, in meinen Augen gänzlich nicht die im Vorhinein ausgemachte Route. Sowohl mein GPS-Gerät als auch die Vergleichskarte wiesen frappante Diskrepanzen zwischen angepriesener Route und tatsächlich gefahrener Strecke auf. Interessant war auch, dass keine der in der Route angepriesenen Sehenswürdigkeiten sowohl im Lonely Planet als auch in Magdalenas Reiseführer Erwähnung fanden.
Die Sache lief so ab: Zuerst fuhren wir zu der 30 Meter hohen Buddhastatue, die nur wenig spektakulär war. Dort verließ uns der Tuktuk-Fahrer, um auf die Toilette zu gehen, woraufhin ein anderer, völlig zufällig gerade dort sitzender Mann mit uns ins Gespräch kam. Nachdem abgeklärt war, dass er natürlich Freunde in Wien und in anderen österreichischen und deutschen Städten hatte (glaub das noch irgendwer?), fragte er uns nach unseren Plänen für die Weiterreise aus. Und tatsächlich, er hatte einige Informationen zu all den Orten, die wir nannten. Ob wir nun nach Norden, Süden, Osten oder Westen wollten, irgendwas war immer auf der Strecken los. Nach Norden und Süden würde zu unserem geplanten Reisezeitpunkt alle Bewohner Bangkoks fahren, weil da irgendwelche Ferien wären, nach Osten hatte man mit kambodschanischen Wanderarbeitern zu tun und um in den Westen zu kommen, hätte man ohnehin schon vor einem halben Jahr buchen müsen. Fazit des Gesprächs: Wir sollten sofort und ohne Unterlass eines der vielen Reisebüros aufsuchen, denn wenn, dann konnte man uns nur dort mit Restplätzen helfen. Gegen Ende des Gesprächs rief der Mann seine Schwester oder sonst irgendwen an und wie durch Zufall kam nur wenige Minuten später der Tuktuk-Fahrer vom Klo zurück.
Voll motiviert fuhr er los und brachte uns alsbald in ein TAT-Office, also ein angeblich staatlich geprüftes Reisebüro. Die Provisionsregelung für Tuktuk-Fahrer war ganz einfach: Sobald die dummen Touristen mindestens 8 Minuten lang im Büro waren, würde er die Spritkosten für die Fahrt bezahlt bekommen. In diesem Reisebüro waren wir keine 30 Sekunden lang drinnen: Wir machten den schmierigen Typen in dem verrauchten Drecksloch sofort klar, dass wir gegen unseren Willen und ohne jegliches Interesse an irgendeiner Leistung des Reisebüros hergebracht wurden. Die Antwort der Typen darauf war ein “Dann verpisst euch von hier!”.
Der Tuktuk-Fahrer ging damit in den Fallback-Modus und jammerte uns vor, dass ihn diese Tour ach so viel Geld kosten würde. Er bat uns, nein, er bettelte uns an, im nächsten Reisebüro zumindest für zehn Minuten Interesse vorzutäuschen, damit sich die Fahrt für ihn lohne. Von mitleidigem Gönnertum bewegt, erklärten wir uns einverstanden. Zweimal ums Eck gefahren, fuhren wir bei einem anderen Reisebüro vor. Davor: sehr viele Tuktuks. Darin: sehr viele Touristen. Aus einem Tuktuk, das gerade den weiträumigen Parkbereich verließ, deuteten uns zwei Burschen die Touristenfalle da drinnen an. Wir nickten wissend.
Magdalenas Idee, die 10-Baht-Fahrt zu machen, war mittlerweile nicht mehr nur ein zu belächelnder Irrtum einer blauäugigen und unerfahrenen Touristin geworden, sondern hatte bereits einige Stunden unserer ohnhin kurz anberaumten Route durch Bangkok gestohlen. Deshalb dachte ich mir, dass es nur fair wäre, wenn sie das Interesse im Reisebüro vortäuschen und das Verkaufsgespräch drehen und wenden würde; ich selbst würde nur schweigend daneben sitzen. Sie war es gewesen, die meine Zweifel an der Sache und den eindeutigen und im Lonely Planet Thailand detailliert beschriebenen Hinweis auf diese Gaunerei ignoriert hatte. Dort stand auf Seite 109 (in der 13. Ausgabe) explizit geschrieben:
Say goodbye to your day’s itinerary if you climb aboard this ubiquitous [Túk-túk rides for 10B -] scam. These alleged ‘tours’ bypass all sights and instead cruise to all the fly-by-night gem and tailor shops that pay commissions.
Klar, dass ich das das peinliche Gestottere im Reisebüro in einen endlosen, kräfteraubenden Dialog überführen musste, der den hiesigen (deutsch sprechenden) Reisevermittler nicht nur den letzten Nerv, sondern auch Muskelmasse kostete, da ich mir aber auch jeden seiner Vorschläge auf Karten zeigen und die Hotels mit Bildern beweisen ließ.
Nach etwa zwanzig Minuten verließen wir dieses ebenso verrauchte Reisebüro und ließen einen verzweifelten Travel-Agent zurück, der sich doch so persönlich darum bemüht hat, uns 300 Euro für eine Reise abzunehmen, die 300 Baht kostete. Der Fahrer hingegen wirkte zufrieden, schließlich hatte er die Sache mit den zwei Problemtouristen wieder in Ordnung bringen können und seine Provision kassiert.
Der vorletzte Stopp auf unserem Tuktuk-Scam war ein Kloster-Tempel-Komplex, der auf einem mit Gräbern durchsetzen Hügel errichtet wurde. Diese war vielleicht die einzige Sehenswürdigkeit, die es wert gewesen wäre, die Tour zu machen. Man hatte von diesem Hügel aus einen guten Blick über die Stadt und er schien, im Gegensatz zu den anderen Orten, an die uns diese Scam-Route geführt hatte, tatsächlich auch von Touristen besucht zu sein, die zu Fuß unterwegs waren. Der Fahrer setzte uns vor dem Eingang ab und deutete uns, wie schon zuvor, wo er auf uns warten würde.
Wir besichtigten den verhältnismäßig großen Komplex und freuten uns schon auf die Rückkunft in Palastnähe, wo Magdalena den Königspalast besichtigen und ich einen Kaffee trinken konnte. Als wir am mit dem Tuktuk-Fahrer vereinbarten Ort ankamen, war dieser – eh klar! – nicht da. Sofort bot uns ein anderer Fahrer an, uns die Strecke zu Ende zu führen, natürlich auch wieder um 10 Baht. Magdalena fragte nach, ob er einen Schneider oder ein Reisebüro aufsuchen würde und er meinte, dass sich der Preis ums 10-fache erhöhen würde, wenn er dies nicht täte.
Am Ende des Tages versuchte Magdalena ihre Entscheidung zu rechtfertigen und stellte die folgende Bilanz auf: Wir hatten drei oder vier völlig irrelevante Sights gesehen, gut eine Stunde im Tuktuk und eine halbe Stunde in irgendwelchen Reisebüros verbracht. Wir haben von Bangkok nicht viel außer Verkehr und Gaunereien gesehen. Unser Tuktuk-Fahrer war verschwunden als wir irgendwo in der Stadt waren, weshalb wir zum regulären Preis von knappen 70 Baht an unseren Ausgangspunkt gelangten. Wir konnten, weil es schon zu spät war, als wir da ankamen, den Palast nicht mehr besichtigen und haben, weil die Tuktuk-Aktion insgesamt so lange gedauert hat, einen halben Tag unserer auf wenige Tage begrenzten Zeit in Bangkok verloren. Aber – und das muss man sich bei einem Wechselkurs von 1 EUR = 40 Baht auf der Zunge zergehen lassen – wir haben uns, weil der Tuktuk-Fahrer ja davongefahren ist, 10 Baht erspart.
Eindrücke unserer Reise entlang der Côte d’Azur
Diese Galerie enthält 12 Fotos.
Eindrücke von unserer Mittelmeer-Reise entlang der spanischen und französischen Mittelmeerküste sowie Venedig. Nach Tarragona (Spanien) bin ich gereist, um Freunde im nahegelegenen Touristendorf Miami Platja besuchen zu können, der Rückweg über die Côte d’Azur schien danach angebracht zu sein. Von Tarragona reisten wir nach Arles, danach gleich weiter nach Marseille, wo wir einige Tage verbrachten. [...]
Springer in Nizza
Die Jungs haben es immer und immer wieder versucht, doch irgendwann ging ihnen die Puste aus. Einen mindestens 10 Meter hohen Felsen hochklettern und dann noch im Flug posieren ist etwas schwierig…
Ein Besuch bei Kollegen in Miami Platja, Spanien
Nach knapp 2000 gefahrenen Kilometern nahm ich die Ausfahrt nach Miami Platja, Spanien. Einige Kollegen, manche freudiger, manche weniger, haben sich dort ein Ferienhaus gemietet und sich die Zeit mit dem Planschen im Aquapark, dem Lesen eines (sic!) Buches, dem Sonnen am Strand, dem Kaffeetrinken, dem gemeinsamen Grillen und dem Lungern am sowie dem Schwimmen im Pool vertrieben. Ich war nicht mit dabei, ich hatte eine weniger statische Reise vor mir. Dennoch ließ ich es mir nicht nehmen, die lieben Kollegen, einige von ihnen hatte ich wirklich schon lange nicht mehr gesehen, in Miami Platja zu treffen und mit ihnen einen Vormittag zu verbringen.
Ich kam um etwa 11 Uhr am Vormittag beim Ferienhaus an. M kam mir kurz nach meinem Hupen in der Badehose entgegen, wenig später auch B. Ich betrat das Grundstück (man hatte am Tor des Gartenzauns den Firmennamen samt Schriftzug “Expositur Miami Platja” befestigt!) und wurde vom Rest der Gruppe begrüßt. Einige Kollegen freuten sich, dass ich da war, anderen konnte man es ansehen, dass es ihnen nicht wirklich in den Kram passte, mich vor Ort zu sehen. Ich nehme ihnen das nicht übel, mir ging es häufig genauso: Erhält man Besuch von zuhause mitten im Urlaub, so entfernt man sich immer ein wenig von seinem Urlaubsgefühl. Ist der Besuch wieder weg, beruhigt sich das erregte Gemüt schnell bald wieder und der Urlaub kann weitergehen.
Wie nicht anders zu erwarten wurde mir von der Umgebung, von der Anreise und von dem Bangen um den Rückflug mit SkyEurope erzählt. Die Kollegen und Kolleginnen haben sich bereits formiert: die Gruppenaufteilung und Rollenzuteilung war bereits abgeschlossen, der gemeinsame Schmäh – jeder hat immer einen Urlaubsschmäh – gefunden und sich auf verschiedene Abfolgen (soll ich Duschordnung?) und Prozeduren geeinigt.
M kochte gar nicht mal schlechten Kaffee. Marke Unbekannt, der Siebträger von Saeco. Irgendwann wurde mir vom Vermieter, der nicht und nicht daherkam, sowie von der deutschen Dame vom Tourismusbüro erzählt, die die gemeinsame Reise von Arbeitskollegen etwas abwegig fand. Ich mochte die Geschichte.
M führte mich durch das Haus. Im obersten Stock gab es ein paar Zimmer, im Kellergeschoß ebenso. Dort, wo normalerweise die Luftmatratzen und der Tischtennistisch steht, lagerten P und A, auf deren Bett es von der Klimaanlage tropfte. Die verschiedenen Sphären, in die man innerhalb der zehn Sekunden, in denen M die Tür offen hielt, eindringen konnte, waren erstaunlich. Da gab es Kollegen, die auf das Nachtkasterl überhaupt keinen Wert legten, Kollegen, die aufgeräumt hatten und solche, die die Decke leicht mit dem Gewand vom Vortag vertauschen könnten, strikte und weniger strikte, aktive und weniger aktive, solche mit etwas stärkerem Körpergeruch und solche, die man gar nicht riechen konnte (das ist jetzt keine Steigerungsform!), kurzum: das volle Spektrum menschlicher Existenz im vollen Umfang seines sozialen Daseins. Dass es letztlich angeblich nur zu einem einzigen Streit gekommen ist, und daran nicht einmal alle beteiligt waren, ist fast schon merkwürdig.
Weiter oben habe ich erwähnt, dass es einige Kollegen gab, denen mein Erscheinen so nicht ganz gepasst hat, weil sie aus dem Urlaub gerissen würden. Mir, und das kann ich nun ja sagen, ging es da nicht anders. Ich war mehrere Stunden von Wien nach Bern und anschließend nach Tarragona gereist und hatte sehr viel Zeit ohne sie verbracht. Im Juli sah ich sie nicht, in der ersten Augustwoche ebensowenig. Und nun waren sie da. Die verschiedenen Meme und Diskurse aus der Firma wurden in Ferien- und Urlaubsmeme/-diskurse gewandelt. Sollte ich mich hier wohlfühlen? Ja! Es war doch möglich. Und Danke für die zwei Espressi!
Delhi
Die Ankunft in Delhi war das größte Desaster meiner Reisegeschichte bisher. Ich habe mich zu sehr auf meine Erfahrungen aus China verlassen, die mich dazu verleiteten, mich auf die Ehrlichkeit und Erfahrung von Taxifahrern zu verlassen, die ohne viel Hintergedanken und ohnehin bei jedem Hotel Provision einsteckend jedes Hotel empfahlen, das meinem Anforderungsprofil entsprach. Nicht so in Delhi. Der Taxifahrer, der uns um 2:00 Uhr morgens am Flughafen begegnete, war einer dieser Fahrer, die mit Reisebüros Abmachungen hatten: Das Hotel, das wir ihm nannten, war natürlich geschlossen, so der Fahrer, denn es gäbe eine große Konferenz momentan in Delhi und alle Hotels seien ausgebucht. Er könne uns nur in ein Reisebüro führen (um 2:30 Uhr nachts, wohlgemerkt!), in dem man uns ein anderes Hotel finden könnte. Eine halbe Stunde später saßen wir in einem schäbigen Drechsloch an Reisebüro und unterhielten uns mit Raj [ausgesprochen: Radsch], der uns Touren in ganz Indien verkaufen wollte. Natürlich war das alles inszeniert, selbstverständlich wurde man hier übers Ohr gehauen! Wie auch immer, man hat uns ein Hotel für die erste Nacht gefunden. Am nächsten Tag, nach nur 4 Stunden Schlaf, sollten wir wieder abgeholt werden, um mit Raj alle weiteren Details unserer Reise zu besprechen. Schmeck’s, habe ich mir zu diesem Zeitpunkt bereits gedacht.
Delhi
4 Stunden später in einem minderwertigen Hotel mit Fenstern aber ohne Tageslicht, wurden wir vom Rezeptionisten geweckt, der uns erklärte, dass der Fahrer bereits seit einiger Zeit auf uns wartete. Wir machten uns fertig und erledigten mit Raj einen Urlaub in Goa. Ich bin mir nicht sicher, ob es nun 300% oder 400% waren, die wir vom Normalpreis abwichen, aber das war auch egal, denn unsere Zeit in Indien war – und das war der größte Fehler – sehr begrenzt. Außerdem war für den nächsten Morgen schon ein Inlandsflug gebucht.
Nach dem Fiasko im Pseudoreisebüro hatten wir ein wenig Zeit uns Delhi anzuschauen. Die Stadt ist langweilig. Es gibt ein paar Gebäude, die es wert sind angesehen zu werden, man wird aber den Eindruck nicht los, dass es sich in Delhi um eine gigantische Ansammlung an Reisebüros handelt, die allesamt nur ein Ziel haben: Touristen zu betrügen.
Mit einer Rikscha haben wir uns den größten Teil der Stadt angesehen. In einem Coffee Day (Gott sei Dank!) haben wir endlich etwas gegessen, dort hat uns auch einer der Gäste ein weiteres Reisebüro (natürlich auch irgendein Fake) gezeigt, in dem wir dann, einfach nur, um es diesem Halsabschneider Raj zu beweisen, den weiteren Urlaub gebucht haben. Zu diesem Zeitpunkt waren zwei Dinge fix: Wir würden die erste Hälfte unseres Urlaubs in Goa verbringen, die zweite mit einer Stadttour Delhi – Jaipur – Agra ausfüllen. Zuerst Spaß, dann Kultur. Zuerst Natur, dann Architektur. Soweit so gut.
Schicksalscurry
Der Leiter des zweiten Tourismuszentrums stellte uns für den Rest des Tages einen Fahrer kostenlos zur Verfügung, der uns nicht nur ein paar Sehenswürdigkeiten zeigte, sondern auch in ein sehr empfohlenes Restaurant führte. Worauf ich die ganze Zeit schon Lust hatte, das konnte ich hier in Indien endlich bestellen: ein vegetarisches Curry! Und ja, es war herrlich.
B. ging es da schon ganz anders. Sie hat das gleiche Curry, das gleiche Fladenbrot und den gleichen Reis gegessen, aber sie hat sich einen Eistee dazubestellt und nicht das Coke (“…and do not open the bottle!”). Das wurde ihr zum Verhängnis, denn die auf das Essen folgende Nacht wurde binnen Stunden zum Albtraum. Zuerst Durchfall, dann Erbrechen, dann Krämpfe im Magen. Hätte ich nicht das gleiche gegessen, ich hätte auf Lebensmittelvergiftung getippt. Woran zu diesem Zeitpunkt niemand gedacht hat: Der Eistee!
Besonders erschwert wurde der Umstand der Krankheit dadurch, dass wir am nächsten Tag – sehr früh am Morgen – unseren Flug ins knapp 1.000 Kilometer entfernte Goa hatten.
Die Fahrt vom Hotel in Delhi zum Inlandsflughafen war ein Fiasko: Wir mussten immer wieder stehen bleiben, weil B. sich übergeben musste. Die Wartezeit am Flughafen selbst verbrachte ich nervös in der Wartehalle, B. auf der Toilette.
Erster Eindruck
Unser erster Eindruck von Indien: Horror! Wo man auch hinkommt, man wird übers Ohr gehauen. Der Tourist ist die finanzielle Melkkuh. Den teilweise fiesen Tricks der im Tourismusbereich Tätigen zu entgehen führt häufig zu Situationen, in denen man sich sehr zurückhalten muss, um die Ruhe nicht zu verlieren. Alles in allem war das Umfeld in Indien “hostile”. Die Ruhe und Entspannung, die ich aus China gewohnt war, kam hier nicht auf. Ich war unter permanenter Anspannung, was nun als nächstes passieren würde. Gleich am ersten Tag haben B. und ich über unsere Erlebnisse gesprochen und festgestellt, dass das der erste Urlaub werden sollte, der uns wohl nicht gefallen würde.
Aber ein Funken Hoffnung blieb noch übrig, denn ich hatte mir Goa als inländisches Reiseziel ausgesucht.
Verlassene Kaserne bei Pula
Ohne es geplant zu haben, entdeckten wir am letzten Tag unseres Aufenthalts in Pula an der Nordküste der Stadt zufälligerweise eine verlassene Kaserne. Genauer: Wir wollten uns die Nordküste ansehen und sind dahin gefahren als plötzlich ein Tor vor uns war. Es stand offen und weit hinten konnte man bereits das Meer sehen, die Richtung hatte also gestimmt, lediglich diese Umzäunung gefiel mir ganz und gar nicht. Ein Pärchen, das gerade aus dem Gelände herauskam, versicherte uns, dass man da ohne Probleme hineinfahren könne – und so taten wir’s.
Wir fanden uns wieder in einem verlassenen Kaserngelände, dessen Areal sich über die landschaftlich schönsten Stückchen Pulas zog. Die Kaserne musste, so schloss ich aus verschiedenen Datumsangaben, die ich unter den Herzen zwischen zwei Namen fand, seit etwa 1995 nicht mehr benutzt werden und sie schien ein äußerst beliebter Ausflugsort für die heimische Bevölkerung geworden zu sein. Am Kasernenhof übte ein junges Mädchen unter den beunruhigten Blicken ihres Freundes mit einem tiefergelegten und wenig augenschonend lackierten VW Golf Autofahren, auf einer künstlich angelegten Insel lungerten gelangweilt ein paar Fischer herum, auf der Westseite der Anlage wurde gegrillt und immer wieder radelten Touristen vorbei. Kurzum: Die alte Kaserne wurde nicht geschliffen, sondern hat ihren Wert behalten und wurde dadurch zu einem beliebten Besuchsort.
Auf mich hat diese Ansammlung militärisch genutzter Gebäude auch Eindruck hinterlassen. Einerseits konnte ich mich sofort wieder an meine Zeit beim Bundesheer erinnern und mir lebhaft vorstellen, wie die jungen Rekruten hier am Meer ihre Freizeit verbringen würden, andererseits beneidete ich diejenigen, die hier Dienst machen mussten kaum, denn er in einer traumhaft schönen Landschaft mit wunderbaren Stränden, klarem, kühlem Wasser und bei 36°C Wache halten muss, ist einfach nicht zu beneiden.
Wir verbrachten drei oder vier Stunden auf dem ehemaligen Kasernengelände und machten Fotos, sahen uns alles genau an und wussten zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht, dass wir heute noch mehr als die geplanten zwei Grenzen überschreiten würden.
Café Paradise
Nach einer Umrundung der Insel Moorea mit dem Moped, entdeckten Katharina und ich ein Café mit dem klingenden Namen “Café Paradise”. Ich parkte das Moped und wir betraten einen von zwei Seiten her umzäunten Strand mit Tischen, Sonnenschirmen und einer Bure, die als Küche und Bar diente. Nur wenig später kam uns ein Mann mit der Frage entgegen, was wir hier eigentlich wollten. Seine Haut war tiefbraun gebrannt, seine Haare von der Sonne ausgebleicht, dennoch machte er einen nicht unzufriedenen Eindruck und stellt seine Frage mit einem Schmunzeln.
Ich fragte ihn, ob man im Café Paradise um die Zeit noch guten Kaffee bekommen könne, der nicht, wie sonst überall, aus Nescafé-Pulver hergestellt würde und nach gar nichts schmeckte, sondern echten Kaffee im Sinne von Kaffeebohnen, Kaffeemühle, Espressomaschine, knappe 10 Bar Druck, Laufzeit 20 Sekunden und so weiter…
Er schmunzelte, fühlte sich aber herausgefordert und öffnete einen Bretterverschlag zur Bure, in der ich einen Siebträger entdecken konnte. Doppelt? Ja. Zweimal? Ja. Und er machte den besten Espresso, den ich seit langem getrunken habe.
Wananavu Beach Resort
Nach den Anstrengungen und Strapazen der nicht mit Hotels ausgestatteten Welt übernachteten wir im Wananavu Beach Resort, genauer gesagt in den “Dreamview Villas“, drei Häusern, die auf einem Hügel an der Küste gelegen sind und einen wunderschönen Ausblick aufs Meer bieten. Diese Villen sind kleine Luxushäuschen, besonders, wenn man zuvor im Meer geduscht hat und das sauberste Wasser einen leichten Dreckschleier hatte. Der Infinity-Pool bot was er versprach, auch das Essen war ein Fest. Nicht mehr Schildkröte stand am Speiseplan, sondern Burger, gemischte Salate und alles was das Zivilisationsherz begehrt.
Andererseits waren nicht alle zufrieden damit. Noch vor wenigen Stunden haben wir die Herzlichkeit eines Stammes von Ureinwohnern erleben dürfen, jetzt die sterilen Freuden der Hochzivilisation: Fernsehen, Cocktails, Duschen. Die Unentschlossenheit über die Bewertung dieses Hotelausflugs konnte man bei allen spüren. Die Reise hatte offenbar Wirkung gezeigt.
Delfine!
Tacileka hatte nicht viel außer die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Die Frauen warteten auf den Fisch, den die Männer fingen, die Kinder spielten und tollten herum, die Männer selbst lagen auf ihren Booten und fischten und der Stammeshäuptling — der “Chief” — saß vor seinem Windows-Vista-Rechner (!) und surfte im Internet. Ein Prediger spazierte am Strand entlang, verschwand jedoch schon bald hinter dem Horizont.
Ich hatte gefrühstückt und stellte mich auf einen Tag voller Verpflichtungen ein: Singenmüssen hier, Helfenmüssen da, Fischen im Meer und was weiß ich was wo noch. Es kam allerdings ganz anders. Als ich mich zum Strand begab, um dort ein wenig das Kanu für ein paar Stunden zu entführen, fielen mir drei Transportboote auf, die tags zuvor noch nicht dagewesen waren. Und siehe da, das Schicksal fügte sich und es gab ein angenehmes Programm. Ich erfuhr, dass wir in wenigen Minuten zu einem Riff aufbrechen würden, wo sich für gewöhnlich Delfine aufhielten. Delfine also. Na das wird ja spektakulär werden, so meine ernüchterte Reaktion.
Wir fuhren los und fuhren und fuhren, bis wir ein paar Kilometer vor der Küste Fidschis beim Riff anlangten. Die Delfine planschten herum und beachteten uns nicht. Selbst als sich das Boot näherte, wurden wir ignoriert. Ein paar Meter unter der Meeresoberfläche gingen sie ihren Beschäftigungen nach als ob nichts wäre. Fuhr man allerdings mit vollem Karacho mit dem Boot übers Wasser, tauchten sie auf: Sie versuchten stets vor dem Boot zu bleiben, sprangen aus dem Wasser und ihr Verhalten glich einem Spiel mit dem Boot. Man fühlte sich wie mitten in ein freundschaftliches Wettrennen versetzt. Die positive Ausstrahlung, die ich zuvor noch nie an einem Tier empfand, wurde mir hier, vor der Küste Fidschis, bewusst. Ja, man kann Tiere, die man nie zuvor in der Natur gesehen hat, lieben.
Suva, Fiji
Fiji (oder Fidschi), also. Da waren wir nun. Die Insel, die in der westlichen Welt der Inbegriff des Paradiesischen ist, und wir sind da. Doch wo es ein Paradies gibt, ist Schmutz und der Alltag nicht weit: Suva, die Hauptstadt Fijis, ist eine schmutzige Hafenstadt mit ein paar sicheren, doch weitaus mehr unsicheren Vierteln. Prostitution, Drogen und durchaus vorhandene Kriminalität sind hier, wie in jeder anderen Stadt der Welt auch, präsent.
Unser Hotel mit dem klingenden Namen “Elixir” war ein Apartment Motel: Vierer-, Dreier- oder Zweiergruppen hatten ihr eigenes Apartment, getrennte Zimmer, aber auch Küche, Bad und WC vollständig von der restlichen Hotelinfrastruktur abgetrennt. Weniger erfreulich war die Tatsache, dass zum Zeitpunkt unserer Anwesenheit die Gänge des Hotels neu ausgemalt wurden und die in Suva verwendeten Farben offensichtlich ganz und gar nicht nasenfreundlich sind. Den ganzen Tag über stank es im ganzen Hotel nach Lacken, Farben und anderen Chemikalien. Klimaanlage gab es zwar eine, nicht aber in den Schlafzimmern.
USP und Nachtleben
Einen Tag nach unserer Ankunft in Suva fand bereits die erste Lecture-Sitzung an der University of the South Pacific (USP) statt. [Zeitsprung…] Kaum war der letzte Vortrag beendet, machten sich bereits einige von uns auf den Weg in die Stadt. Suva ist eine Hafenstadt, verfügt über einen ausgegliederten Hafenbereich, der weit vom geografischen Zentrum der Stadt entfernt ist, nicht jedoch vom zentralen Knotenpunkt des Stadtlebens. An der Promenade reihen sich Marktstände, Restaurants, Fast-Food-Ketten, Internetcafés, chinesische und indische Lokale, sowie Bars, Bordelle und Einkaufshäuser auf. Am ersten Tag wählten wir ein indisches Lokal aus, was sich in Suva wirklich auszahlte: Die indische Minderheit in Suva entspricht schon fast der Zahl der übrigen Einwohner. Indisches Essen ist hier praktisch zuhause. Der Abend verlief ruhig, wir gingen schlafen, keine Ausbrüche jedweder Art.
Luxus-Inder und Barbesuch
Abgesehen vom am nächsten Tag abermals stattfindenden akademischen Programm an der USP, besuchten wir wiederum ein indisches Lokal, diesmal aber den Luxus-Inder (auf der gegenüberliegenden Straßenseite). Das Essen war gleich gut, die Sitzgelegenheiten weniger bequem. Klar war, dass wir danach in eine Bar gehen mussten, die – was macht man eigentlich in Bars? – zum Glück einen Billardtisch hatte. Es wurden mehrere Runden gespielt, es wurden Gin Tonics getrunken, Fotos gemacht und letztlich wurde schlafengegangen.
Tanz-Aufführung, Heimküche und “Party”
Der nächste Tag wartete mit ein paar Überraschungen auf. Eines unserer Seminare an der USP hatte die Kultur Fijis zum Thema und solche Kultur-Seminar sind, wie jeder weiß, mühsam. Es wird von Musik, Malerei, Tanz, der Sprache und von Ritualen gesprochen – und das alles in einer Trockenheit, die das lebendigste und schillerndste Gebiet menschlicher Kommunikation grau in grau aussehen lässt. Nicht jedoch hier. Wir wurden in einen anderen Pavillon gebeten und eine Tanzgruppe, zusammengesetzt aus talentierten Studenten und Studentinnen der Universität, führte, begleitet von einer Band, die sich ihre Instrumente großteils selbst gebaut hat, eindrucksvolle, traditionelle und moderne Tänze auf. (Eine Randbemerkung: Ein chinesisches Reporterteam war auch zugegen und hat nicht nur die Tänzer und Tänzerinnen fotografiert, sondern auch uns, die interessierten Zuschauer. Dass der Fotograf mit seinem Riesenobjektiv dabei weniger auf den Gesamteindruck als auf feminine Linien fokussierte, sollte zumindest einmal gesagt worden sein…)
Der restliche Tag verlief ruhig und ohne besondere Highlights. Wir probierten ein Café aus, dessen Kaffee in die Kategorie “bottom-of-the-ashtray-level” fiel und irgendwann fanden wir uns im Elixir wieder ein. Was ich total vergessen hatte: An dem Tag kochte unsere lokale Reiseleitung für uns. Und was da kredenzt wurde, war nicht viel, aber gut. Es gab sowas Ähnliches wie Maki, überbackenen Fisch, Brotfrucht auf zweierlei Art und Weise, Toastbrot, etwas, das schmeckte und aussah wie ein Shrimpscocktail in Salatform und etwas, das aussah wie Spinat, aber nicht Spinat war, trotzdem wie Spinat schmeckte.
Das Essen fand im Rahmen einer “Party” statt, allerdings war diese Party organisiert, somit von Vornherein zum stimmungsvollen Scheitern verurteilt. Die Gruppe zerstreute sich ein wenig und mit der Bildung von Untergruppen und Präferenzdialogpartnern kam dann schnell Stimmung auf, die durch unseren Reiseleiter dadurch ein wenig gedrückt wurde, dass er diese Stimmung für ein Video wieder künstlich herstellen wollte! Nichtsdestotrotz ein netter Abend.
Colo-I-Suva und guter Kaffee
Für den nächsten Tag war ein Besuch des Colo-I-Suva, ein Regenwald in der Nähe der Stadt, geplant. Der Bus kam, wir wurden hinchauffiert und machten unseren Spaziergang. Quänglerisches Highlight dieser Tour waren die Waisila Falls, eine Reihe kleiner und größerer Wasserfälle. Bei einem der Tümpel gab es Lianen und mehrere konnten es sich nicht nehmen lassen, Tarzan zu spielen. So auch unser motivierter Reiseleiter, der, allerdings, stürzte ziemlich ab. Das nur so nebenbei.
Nachdem wir vom Regenwald zurückgekehrt waren, besuchten einige von uns den Markt und erkundeten die Stadt ein wenig bei Tageslicht. Meine Gebete wurden zudem erhört und wir fanden tatsächlich ein Café, dass halbwegs vernünftigen Kaffee servierte. Zwar hatte das Café den klingenden Namen “Headworks” und das Logo eines Friseursalons und war im ersten Stock, daher nur sehr schwierig zu finden, aber… ja. Kaffee: ganz gut.
Den letzten Tag in Suva verbrachte ich mit einer ganztägigen Erkundungstour durch die Stadt, gepaart mit vielen, vielen Fotos. Der Spaziergang war allerdings geprägt von einem mulmigen Gefühl für die kommenden Tage: Wir sollten Theorie und Praxis des akademischen Programms vermengen und in einem Eingeborenendorf leben. Die Erzählungen und Videos, die uns zuvor in Wien gezeigt wurden, verhießen in meinen Augen nicht Gutes. Morgen werden wir abfahren, morgen wird sich alles herausstellen.
Ankunft in Fiji
Wiedereinmal Fiji. Diesmal allerdings nicht auf Beachcomber Island, einer Nebeninsel, um nach kurzer Zeit wieder weiterzufliegen, sondern wirklich und tatsächlich Fiji. Fiji pur. Und es begann schon einmal nicht schlecht. Die Landung erfolgte sehr früh in der Früh (wenn ich mich recht erinnere, gegen 3:00 Uhr morgens), dementsprechend war auch meine Laune. Was nämlich offenbar einige können, ich aber ganz und gar nicht, ist das Schlafen auf Flughäfen bzw das Schlafen auf Sesseln. Und das führt dazu, dass man gegen 4:30 Uhr mit halb offenen Augen, einem müden Körper, der aber unfähig ist einzuschlafen, in Fiji am Flughafen sitzt und einem klar wird, dass der hyperaktive Reiseleiter ja einen Bus bestellt hat, der uns um 9:00 Uhr abholen soll, um gleich darauf eine ganztägige Sightseeingtour durchzumachen. Aber das war alles egal, Hauptsache, ich würde diesen Duselzustand noch weiter aufrechterhalten können.
Gegen 6:00 Uhr kam mir die Idee, Geld zu holen. Der Bankomat war auf der anderen Seite der Halle, also praktisch gegenüber von mir und lediglich ein paar Menschen standen dort, um Geld zu holen. Ich stellte mich an und bemerkte, dass offenbar mehrere Leute die gleiche Idee hatten. Hinter mir positionierte sich der Osten und gleich dahinter noch ein paar Kollegen. Als ich endlich dran war, die Karte schon im Schlitz, den PIN eingetippt und gerade die Summe aus dem Angebot wählen wollte, fragte mich der Osten “Wieviel Geld kann man abheben?”, und ich antwortete: “Zwischen 50 und 500 Dollar, jeweils in Zehnerschritten!” “Was für eine blöde Antwort!”, war die Reaktion. Der Osten war damit für mich unten durch und es würde sich schon noch erfüllen, was ich mir zu dem Zeitpunkt wünschte.
Es wurde 9:00 Uhr und der Bus kam. Wir fuhren zur Sugarcane-Train, einer Schmalspurbahn, mit der Zuckerrohr auf der ganzen Insel transportiert wird. Und die Sightseeingtour mit dem Bus ging mit der Bahn weiter. Pervers wurde es jedoch, als der Guide uns aufforderte, Bonbons und Zuckerl zu kaufen, denn die könne man den Kindern, die schon darauf warten würden, vom Zug aus zuwerfen. Und tatsächlich. Die Touristen aus Australien kauften fleißig ein und warfen, das allerdings ein wenig später und schön verteilt auf die ganze Fahrt, Zuckerl aus dem Zug auf die Straße und erfreuten sich daran, wie die Kinder sie aufklaubten und sammelten. Ich fand das widerlich, andere Gäste offenbar amüsant. Der Tag endete an einem schönen, aber langweiligen Strand und der Ankunft im Hotel in Suva. Auch nicht gerade einladend, aber doch gemütlich. Ganz wichtig: keine Kakerlaken!
Ein Tag in American Samoa
Für einige wurde am 14. September 2007 wahr, was wir schon gar nicht mehr für möglich gehalten haben: Unserem fleißigen Reiseleiter ist es gelungen, ein Flugzeug (der Inter Island Airways in Samoa) zu chartern, das uns von Samoa nach American Samoa bringen würde; ein Flug von einer knappen Stunde. In Samoa sollten wir ein Seminar besuchen, einen kurzen Sightseeing-Trip mitmachen und anschließend wieder zurückfliegen. So war es auch. Zumindest so ähnlich.
Flughafen
Wir verließen das Hotel pünktlich und erreichten den Flughafen ebenso pünktlich. An der Gepäcksaufgabe war schon der Inter Island Airways-Flug nach American Samoa ausgeschrieben, ansonsten war am Flughafen gar nichts los. Die Geschäfte hatten ihre Rolläden noch geschlossen, der Beamte, der die Pässe kontrollierte, war noch ziemlich verschlafen und der Duty Free-Bereich, der an sich schon sehr klein war, war größtenteils ebenso noch geschlossen. Plötzlich, eine Durchsage für uns, die Passagiere des Flugs mit der Nummer Irgendwas. Über die Lautsprecher der gesamten Flughafens wurde uns vorgelesen und erklärt, wie man eine Schwimmweste anlegt, wo sich die Notausgänge befinden, welche Sicherheitseinrichtungen das Flugzeug besitzt und wie unser Pilot heißt. Ein Vertrauen erweckender Beginn eines noch langen Tages!
Als die zwei Beamten erschienen, die unsere hangeschriebenen Boardingpässe kontrollierten, die Türen zum Flugfeld geöffnet und wir zu einem noch kleineren als dem befürchteten Flugzeug geführt wurden, das da parkte, wurde schnell klar, dass jeglicher Fall von Problem in dieser Büchse sehr schnell sehr ernst werden würde. Hinein also, Kopf an der Decke angeschlagen (man konnte nämlich nur stark gebückt seinen Sitzplatz erreichen!), hingesetzt und gewartet.
Flug
Das Flugzeug rollte los und die tiefe Sitzposition tat ihres dazu bei, dass ich ständig ans Autofahren denken musste. Viel höher als in einer A-Klasse saß man hier nämlich nicht. Die Kiste erhob sich in die Luft und gewann an Höhe. Im Gegensatz zu meiner ursprünglichen Vermutung, dass die niedrige Startgeschwindigkeit und die Propeller an sich die Maschine wesentlich unruhiger machen würden, war die Maschine völlig ruhig, solange wir nicht durch Wolken flogen. Gemütlich, nicht fürchterlich, war der Beginn. Gemütlich bis zu dem Moment, als es im Passagierraum unruhig wurde. Ich erhob meinen Blick aus einem idiotischen Airline-Magazin und wusste sofort, was los war: In der Kabine war Rauch! Was tun?!? Hier hinten war alles sehr nervös, der Pilot flog aber seelenruhig weiter als ob nichts wäre. Er musste doch den Rauch sehen oder zumindest riechen! Gar nichts! Die Gesichtsausdrücke der Passagiere waren zwischen Horror und verkrampftem Lächeln angesiedelt, doch Mucksen tat keiner. Der Pilot flog ruhig weiter. Aus der Belüftung kam Rauch? Oder war’s irgendeine Form von Kondenswasser? Nebel? Angesaugte Wolken? Keine Ahnung. Die Feuchtigkeit im Flugzeug machte mir sowieso genug zu schaffen, also lehnte ich mich zurück und hoffte, dass mich die herunterfallenden Sauerstoffmasken schon irgendwie aufwecken würden und wenn nicht, dann zumindest das Gekreische meiner Sitznachbarn.
Pago Pago
Wir landeten in Pago Pago (das spricht man aus, als ob ein N vor den Gs wäre!) in American Samoa. Toll, die Sache mit dem Rauch war also nicht so bedrohlich gewesen und Husten musste ich auch nicht. Da nahe beim Ausgang stand ich auf, schlug mir den Kopf wieder an und kroch aus dem Flugzeug. Hinter, neben, unter und über mir quoll der Rauch aus der Kabine, doch der asphaltierte Boden ließ mich dieses Problem vorerst vergessen. Ich war nun hier, in Pago Pago, in American Samoa, einem Land, das Teil von Amerikanisch-Ozeanien ist und somit ein US-amerikanisches Außengebiet. Was wußte ich über American Samoa? Gar nichts, außer dass American Samoa der Rekordhalter der höchsten Niederlage in der internationalen Fußball-Geschichte ist: Am 11. April 2001 verlor man im Rahmen der Qualifikation zur Fußballweltmeisterschaft 2002 in Coffs Harbour gegen Australien mit 0:31. Amerika, also, zumindest auf die eine oder andere Art.
Kultur, Wasser und Alltag
Wir wurden von Taxis in ein Parlamentsgebäude geführt und der starke Kontrast zu Samoa (dem ehemaligen “Western Samoa”) wurde schnell klar: Hier war man in einem Außenbezirk der USA und nicht in einem eigenständigen Staat. Alle fuhren mit großen Autos, McDonald’s, Burger King, KFC und Pizza Hut waren vor Ort, es gab kaum Gehsteige, dafür breite Straßen und die Motoren liefen weiter, auch wenn die Autos geparkt waren.
Unsere Fahrer brachten uns zu einem ausgelagerten Parlamentsgebäude, wo ein Seminar stattfinden sollte. Wir wurden in einen Raum für Audienzen gebeten und sogleich fielen die drei Kübel von KFC auf. Später würden wir erfahren, dass die für uns vorbereiteten Snack ein Stück KFC-Hendl und Kaffee nach Belieben war. Auf meine Frage hin, ob es denn auch ganz normales Wasser gäbe, sah mich die Sekretärin/Assistentin/Wasauchimmer ganz verdutzt an und wusste zuerst gar nicht, wie sie reagieren sollte, brachte dann aber doch ein paar Plastik- oder Styroporbecher, die mit Wasser angefüllt waren.
Der Berg
Nach der Rede des Vortragenden fuhren wir mit den Taxis auf einen Hügel, von dem man aus die schönste Aussicht über die weitläufigen Buchten von American Samoa haben sollte. Unser Reiseleiter hatte sich erkundigt, wie man dahin kommen würde und instruierte die Taxifahrer, wohin sie genau fahren und wo sie haltmachen sollten. Nach mehrmaligem Verfahren klappte es dann auch. Wir waren mitten im Nirgendwo und marschierten los. Ganz vorne er, der Reiseleiter, mindestens einen halben Kilometer weiter hinten die Nachzügler, die aus gesundheitlichen oder konditionellen Gründen nicht im vorgegebenen Tempo mithalten konnten. Auf sie wurde aufgrund der begrenzten Zeit nicht Rücksicht genommen und ein kleiner Trupp von knapp zehn Leuten setzte sich vom Rest der Gruppe ab. Wir wollten uns den Blick nicht nehmen lassen, vor allem ich nicht, da ich bislang noch kaum Fotos von American Samoa gemacht hatte. Noch dreißig Minuten würden es noch zum Gipfel sein, noch dreißig Minuten.
Eine gute Stunde später keuchte plötzlich einer der Taxifahrer hinter mir. Er war vom Abstellplatz bis hierher nachgelaufen. Offiziell, damit er uns den Weg zeigen konnte, inoffiziell, weil er Sorge hatte, dass wir, ohne die Rechnung fürs Taxi zu bezahlen, auf der anderen Seite des Berges hinuntergehen würden. Da der Gipfel des Berges (oder der Aussichtspunkt) noch immer nicht zu sehen war, fragten wir ihn, wie lange es denn noch zu eben dem besagten Aussichtspunkt sei und die Antwort konnte positiver nicht ausfallen: Es wären nur noch wenige Kurven, die man gehen müsse, dann würde man den ersehnten Ort finden. Wir gingen motiviert weiter.
Wieder eine halbe Stunde später platzte unserem Reiseleiter der Kragen: Er fragte den Taxifahrer mehrmals hintereinander, wie lange man noch gehen würde oder wie weit der Aussichtspunkt noch sein würde und dieser gab drei Antworten: noch zwei Kurven, 15 Minuten, eineinhalb Stunden. Ober denn schon jemals dagewesen wäre? Natürlich, vor drei oder vier Jahren! Gab es da schon die Straße, auf der wir uns befinden? Nein, er war ja auch nicht auf diesem Berg, sondern auf einem anderen! Also noch nie hier? Nein! Das Gespräch nahm absurde Formen und Themen an und wir beschlossen nur noch fünfzehn Minuten weiterzugehen und dann, egal wie weit wir kommen würden, umzudrehen, da das Flugzeug pünktlich abfliegen würde. Nicht der Flug zurück nach Samoa war das Problem, sondern der Flug zur nächsten Station, nach Fiji, denn diesen gibt es nur ein Mal pro Woche!
Irgendwann war es vorbei, die Zeit war abgelaufen. Wir hielten an, schossen ein paar “Siegerfotos”, um den Unmut zumindest in ein irgendwo gemachtes Foto umzuwandeln und kehrten um. Erst am Rückweg fiel mir auf, dass wir diese Bergtour nicht geplant hatten, dass sie sinnlos war, da nicht gut organisiert und dass wir alle aufgrund des Besuchs im Parlament gut gekleidet waren. Man muss sich das in etwa so vorstellen: Eine gut angezogene Gruppe gepflegter Menschen lässt sich von im Verhältnis noblen Taxis bei Nieselwetter mitten am Kahlenberg aussetzen, um dann dort auf einem von Schlamm durchsetzten Forstweg nach einem Punkt zu suchen, den es vielleicht, vielleicht aber auch nicht gibt. So in etwa kann man diese Situation vergleichen. Ich habe ein dazu passendes Foto auf Flickr hochgeladen: Eine Freundin, Karoline, posiert hier in einem schwarzen Kleid mitten im Regenwald vor einer Küstenlandschaft; die Füße waren von Erde verschmiert, die Schuhe innen und außen voll Schlamm und Matsch.
Es wird knapp
Wir kamen später als befürchtet bei den Taxis an. Inzwischen wurde auch klar, dass der Rest der Gruppe die ganze Zeit hier verbracht hatte und ab dem Moment des Abbrechens nicht etwa versucht hat, weiterzumarschieren, sondern sofort kehrtmachte und sich dem Smalltalk am Taxistandplatz hingab. Gut. Die paar Leute, die irgendwo im Nirgendwo waren, von leichten Regengüssen und der Feuchtigkeit des tropischen Waldes gezeichnet, von der Müdigkeit durch den Auf- und Abstieg zermürbt und von der Enttäuschung der Sinnlosigkeit der Unternehmung geprägt, stanken. Nach faulen Gewässern, Schlamm und Matsch, sowie dem Schweiß, der getrocknet und durch frischen wieder nass wurde. Dann wieder getrocknet, dann wieder nass.
Unser Reiseleiter instruierte die Taxifahrer schnurstracks zum Flughafen zu fahren. Würden sie rasch fahren und keinerlei Probleme haben, wären wir 15 Minuten nach der geplanten Abflugzeit ankommen, was noch in Ordnung wäre, da wir als einzige Passagiere, dieses Recht haben. Wir kamen rechtzeitig an (das Wort “irgendwie” schwebt vor meinen Augen), wir flogen mir Rauch im Passagierraum zurück, landeten, fuhren zurück ins Hotel und machten uns für den nächsten Flug an diesem Abend fertig: In weniger als drei Stunden würden wir Samoa verlassen und nach Fiji fliegen. Eine Kollegin hatte im Hotelzimmer des Blue Pacific Hotel eine Ratte gesichtet. Es war Zeit zu gehen.
Sightseeing in Samoa
Heute stand Sightseeing am Programm. Ich wurde geweckt mit den Worten, dass der Bus nur noch auf mich warten würde. Nichtsdestotrotz ging ich ins Bad, putzte mir die Zähne, duschte, ging hinunter zu den Resten des Frühstücksbuffets, bediente mich, kam zum Bus und wartete auf unseren Reiseleiter und -organisator, der erst eine Viertelstunde später kommen sollte. Der Bus war in grellen Farben lackiert und aus den Lautsprechern (Boxen?) dröhnte die ganze Zeit Musik, die ein wenig an die Hits von Shaggy erinnerte, allerdings ohne Mitteltöne. Genaugenommen war dieser Bus ein LKW, auf dem ein Holzgestell aufgebaut war, das an einen Fahrgastraum südeuropäischer Busse in der Nachkriegszeit erinnerte. Holzbänke mit herausstehenden Schrauben, keine Fenster (dafür Plastikscheiben, die man im Fall des Falles hochziehen konnte) und eine Absperrkette anstelle einer Tür. Haltegriffe, Notausgänge und splitterfestes Glas? Forget it, we are in Samoa!
Luatuanuu Spot
Nach langem Warten winkte die Hotelbesitzern dann doch endlich und der Bus fuhr los. Die Hochtöner des businternen Soundsystems ließen mein Trommelfell zerspringen, der Subwoofer zerbarst es danach total. Hinzu kam noch das Pfeifen und Zischen des Windes, das Motorengeräusch eines alten Dieselmotors und das ewig dramatische Rauschen der Brandung. Ich schlief ein.
Der Bus hielt an und das Fehlen gleichmäßiger Schmerzen in meinem Knie weckte mich auf. Ich sah mich um und stellte einerseits fest, dass der Bus mitten in einer Kurve halt gemacht hatte, andererseits, dass fast alle müde und mit verschlafenen Augen aus dem Bus taumelten. Selbst der hochmotivierte Reiseleiter quälte sich aus seiner zur Bequemlichkeit gewordenen Position im Fahrerhaus heraus und murmelte irgendetwas vor sich hin.
Ich stieg die zwei Treppen hinunter, sprang den restlichen halben Meter auf den Boden und torkelte zur erstbesten Sitzmöglichkeit, die sich mir an diesem steinigen Ort darbot. Ich wartete, bis alle ihre Fotos gemacht hatten, holte dann meine Kamera und folgte einem kleinen Pfad, der um den kleinen Vorsprung, der da ins Meer ragte, herumzuführen schien. Ich erhoffte mir ein Bild des Küstenverlaufs machen zu können, doch je weiter ich hinauskletterte, desto mehr Äste, Sträucher und sonstiges Buschwerk hing mir ins Bild. Endlich fand ich einen freien Platz, um ein Foto zu machen, schoss es und machte mich zurück auf den Weg zum Bus, der bereits wieder den Motor gezündet und die Musik angemacht hatte. Ich stieg ein, schlief ein und wurde bald wieder geweckt.
Falefa-Wasserfall
Unser Reiseleiter diskutierte etwas mit dem Busfahrer. Der Bus (mit einem Gesamtgewicht von vierzehn Tonnen) stand vor einer Brücke, deren größtmögliche Belastbarkeit bei zehn Tonnen lag. Ein dementsprechendes Verkehrsschild zeigte das unmissverständlich an. Wir fuhren los, denn es wäre zu schade gewesen, wenn wir unser Schuhwerk bei dem durch den Wasserfall äußerst feuchten Boden beschmutzt hätten. Irgendwie hat uns die Brücke doch über Wasser gehalten und irgendwie ist es auch dem Fahrer gelungen auf einer Gebirgsstraße umzudrehen. Wieder habe ich ein paar Fotos gemacht, wieder bin ich eingestiegen und habe bereits geschlafen, als das Fahrzeug abermals die Brücke überquerte.
Lalomanu Beach
Wieder wachte ich auf als der Bus stehenblieb, diesmal am Straßenrand einer gerade verlaufenden Straße. Rechts waren ein paar Hütten zu sehen und ein Tennisplatz, links ein paar Strandhütten und das Meer. Wir waren am Strand von Lalomanu angekommen. Anfangs hatte ich keinerlei Lust mich ins Wasser zu begeben, aber schon bald überzeugten mich das Wasser, die szenische Atmosphäre und die Hitze doch ins Wasser zu gehen.
Das Wasser war ganz klar und ohne Anstrengung konnte man neugierige Fische beobachten, die kurz am Bein zupften und dann davonschossen, als ob mein Bein sie attackieren würde, danach aber wieder kehrt machten, um zu sehen, ob es denn tatsächlich so sei. Am Horizont konnte man die Brandung sehen, wie sie am vorgelagerten Korallenriff brach und die Gischt meterhoch in die Lüfte hob. Dahinter eine kleine, vorgelagerte Insel, die zwar menschenleer, dafür aber voller Palmen war, die bis knapp über die Meeresoberfläche wuchsen. Auch hier war wieder die Kamera zur Stelle, diesmal jedoch nicht nur vom Strand aus, sondern im Wasser: Ich trug sie hoch erhoben über dem Meeresspiegel, bereit, jeder größeren Welle mit Trockenheit zu trotzen. Etwa dreißig Meter vom Strand entfernt begann ich Fotos zu machen, Fotos, die ich so bislang nicht gemacht habe. Ich war erstaunt, wie gut man aus dem Wasser Fotos machen konnte und ließ es mir nicht nehmen, fast die ganze Reisegruppe im Wasser zu fotografieren. Katharina hatte eine Polaroidkamera dabei und ich ließ es mir nicht nehmen, ein digitales Foto vom Polaroid eines Polaroids, das ein Polaroid zeigt, auf dem Katharina zu sehen ist, zu machen.
Togitogiga Wasserfälle
Weiter ging es. Wir fuhren einige Zeit lang, bis wir an den Togitogiga Wasserfällen ankamen, wo sich einige todesmutig von unserem Reiseleiter (weiße Jesusunterhose) zum Sprung ins Unbekannte überreden ließen. Für mich bestand der Besuch am Strand aus literweise Nobite, das mir gerade mal half, irgendwie über die Runden zu kommen und nicht von abertausenden Mücken zerstochen zu werden. Etwa eine halbe Stunde später waren auch die tatkräftigsten Tümpelschwimmer samt unserem Reiseleiter zurück und es ging weiter zur letzten Station dieser Sightseeingtour.
Ein kurzer Besuch im Dorf
Plötzlich blieb der Bus stehen und ich wachte erneut auf. Wir waren bei der letzten Station dieser Tour angelangt: dem Dorf, in dem die Mutter (oder Großmutter) unserer Hotelbesitzerin wohnte. Offenbar von den Erzählungen unseres Reiseleiters bewegt, hat die Hotelbesitzerin uns zu ihrer Großmutter eingeladen, die uns nun in einer nach Tradition und Kultur errichteten Bure (so nennt man in Samoa die Hütten und Häuser, die ohne Wände auskommen und nur aus einer Plattform und einem Dach bestehen) empfing. Gott sei Dank gab es etwas zu essen, ansonsten wüsste wirklich niemand, was wir hier tun sollten. Einige fingen an zu singen, um den Bewohnern des Dorfes, besonders aber der Hausherrin ein wenig österreichische Kultur in die Bure zu bringen, die wiederum tanzte für uns, um uns zu zeigen, was sie von ein wenig österreichischer Kultur in ihrer Bure hielt. Etwa eine Viertelstunde und viel verlegenes Wassertrinken später erschallte vom Parkplatz aus der Subwoofer des Busses. Es war, endlich!, Zeit zu gehen. Wir fuhren nachhause. Ins Blue Pacific Hotel in Apia.
Aggie Grey’s Tanzshow
Der 12. September 2007 in Samoa. Aufstehen, Obstfrühstück. Die Löcher in den Wänden des Hotelzimmers waren, das fiel mir beim Duschen auf, nach außen hin größer als nach innen, will heißen: wer draußen an unserem Zimmer vorbeiging, konnte, wenn er genau schauen würde, dem Duschenden zusehen, vom Zimmer aus ging das allerdings nicht. Ich duschte.
Der Tag verging leer und ohne besondere Vorkommnisse. Ich verbrachte ihn teils alleine, teils mit Personen, die mir lieb und teuer waren und teils mit Menschen, mit denen ich mich zwar gut verstand, deren Gegenwart mir allerdings gleichgültig war. Klar freute ich mich, wenn sie da waren, aber es machte keinen Unterschied, ob sie da waren oder andere. Das ist nämlich der feine Unterschied: Muss jemand da sein oder muss diese bestimmte Person da sein. Und sie war nicht da, lange Zeit nicht, bis wir uns endlich, das allerdings war schon später am Nachmittag, trafen. Zufällig. Ohne Plan. Dennoch.
Aggie Grey’s Tanzshow
Während der Tag verging, diskutierte ich immer und immer wieder mit meinen Reisegefährten, ob ich tatsächlich rund 25 Euro für eine Sing- und Tanzshow ausgeben wollte. Männer und Frauen in Bananenblättern bekleidet springen vor fetten amerikanischen, neuseeländischen und australischen Touristen herum, singen ohne dabei den Ton halten zu können, traditionelle Lieder, die sie selbst erst erlernen mussten und tanzen dabei Tänze, die ihnen eine amerikanische Choreografin asiatischer Abstammung beigebracht hat, damit es echt aussieht. Sollte ich dafür Geld ausgeben? Ich gab Geld aus. Mehr aus Langeweile als aus Interesse, aber die Cocktails waren ja auch nicht schlecht. Für den nächsten Tag stand eine Sightseeingtour durch die Insel an, ich ging früher schlafen als sonst.
So nebenbei, am Flug nach Samoa
Wir waren bereits in Los Angeles, auf Beachcomber Island und in Tonga, doch erst jetzt finden die einzelnen Mitglieder der Gruppe langsam zueinander. Jetzt erst wird klar, wer wohin gehört, wer mit wem harmoniert und wem man lieber aus dem Weg geht. Los Angeles war noch stark geprägt von Freundschaften, die man noch von früher mitgebracht hatte; Kollegen, die sich bereits aus anderen Exkursionen kannten oder aus beruflichen Gründen miteinander zu tun gehabt hatten. Auf Beachcomber Island war die Sache völlig egal, denn ich hatte Fieber und die anderen Mitreisenden hatten nicht gerade aus einem großen Angebot an Räumlichkeiten zu wählen. Tonga hatte die Sache schon verändert. Hier war man zu viert oder zu zweit in einem Bungalow, doch die Nähe der einzelnen Teilnehmer zueinander hat sich nicht nur örtlich, sondern auch in freundschaftlichem Bezug zueinander verändert. Solche, die noch in Los Angeles nicht miteinander gesprochen haben, rauchten nun gemeinsam vor ihrem Bungalow, solche, die ihre Namen auf Beachcomber Island noch nicht einmal wussten, verbrachten Tag und Nacht miteinander. Die, die viel tranken, fanden sich und diejenigen, die lieber schliefen, ebenso. Diejenigen, die ihr Schicksal duldeten, gab es natürlich auch noch. Und das sollte sich festfahren und erst in den letzten Wochen langsam wieder lösen.
Nuku’alofa und Ende
Nuku’alofa
Den heutigen Tag habe ich mir mit einem Spaziergang durch Nuku’alofa, der Hauptstadt (der einzigen Stadt!) von Tonga, gegönnt. Leider ist von Nuku’alofa nur mehr ein unwesentlicher Teil übrig, denn die erst kürzlich ausgebrochenen Aufstände und Demonstrationen haben dazu geführt, dass fast alle im Lonely Planet (Lonely Planet Samoan Islands and Tonga) angeführten Spots nicht mehr existierten – mit ein paar Ausnahmen.
Ein paar Highlights:
- In einem Hafenbecken schwamm ein halb aufgefressener Hundekadaver.
- Der Hauptplatz der Stadt wird von einem der größten Bäume überschattet, die ich jemals gesehen habe.
- Die Post in Tonga verschickt auf Wunsch frankierte Kokosnüsse in die ganze Welt.
- Die halbe Stadt ist niedergebrannt. Selbst der einst populäre Supermarkt blieb von den Flammen nicht verschont.
- Cruella betreibt in Tonga einen Friseurladen.
- In Nuku’alofa gibt es eine runde Kathedrale.
- Die einzige tonganische Radiostation, ihre Sende- und Aufnahmeanlagen passen in die Scheune eines Schrebergartenhäuschens.
- Die öffentlichen Toiletten an Busstationen sind widerlich.
- Der Sonnenuntergang in Tonga, wenn auch auf einer der am stärksten befahrenen Straßen fotografiert, ist beeindruckend.
Abgesehen davon, habe ich endlich einen vernünftigen Kaffee getrunken. Der Spaziergang von Nuku’alofa bis hin zu Papiloas Hotel war angenehm und von bester Gesellschaft geprägt.
Abschied, Hochzeit und Ende
Heute war der letzte Tag in Tonga. Papiloa (am Bild ganz rechts zu sehen) hatte aber noch eine Überraschung für uns parat: Sie kramte ein knapp 800 Jahre altes Set an Hochzeitsgewändern hervor, das sie prompt zwei Kollegen überzog. Ein angenehmer Abschied von einer angenehmen Frau, die es sich nicht nehmen ließ als Mutter der Braut, ebenfalls traditionell gekleidet, mit aufs Foto zu kommen. Ihre Tochter, wie schon erwähnt, hat es sogar geschafft am letzten Tag Schwierigkeiten zu machen: Bezahltes wurde – trotz Rechnung! – als nicht bezahlt deklariert. Doch diese Dinge gingen unter, weil:
Ab in den Bus, ab zum Flughafen, ab nach Samoa, wo heute morgen sein wird!
Sightseeing in Tonga
Ein Bus hat uns von Papiloa’s Hotel abgeholt und mit uns die wichtigsten Ausflugsziele in Tonga abgefahren. Ich mag diese Bustouren ganz und gar nicht, wenn es aber anders nicht geht, weil alles schon verplant ist, dann schwimme ich mit dem Fluss mit und hänge mein Fähnchen in den Wind.
Cook’s Bay
Cook’s Bay (Google Maps, Wikipedia) ist die Bucht, an der James Cook 1773 landete. Interessant ist, dass James Cook – wie so oft – gar nicht der erste Europäer war, der Tonga betreten hat. 1616 und 1643 waren bereits holländische Entdecker dagewesen (1616: Willem Schouten und Jakob Le Maire, 1643: Abel Tasman), doch ist James Cook der einzige, nach dem eine Bucht benannt wurde.
Queen Salote Tupou III
Bei dieser Gelegenheit kann natürlich nicht die Geschichte der Queen Salote Tupou III (Wikipedia) erzählt werden: Sie war von 1918 bis 1965 die Königin Tongas und mit ihren 1,91 Metern Größe die größte Königin des kleinsten Königreichs. Während der Krönungszeremonie der Queen am 2. Juni 1953, fuhr Salote bei Regenwetter in einem offenen Landauer vor und weigerte sich, das Verdeck schließen zu lassen – aus Respekt und aus Ehrerbietung vor der Königin von Großbritannien. Diese Geschichte hat jeder der Teilnehmer der Reise sehr, sehr oft gehört, daher musste ich sie hier erwähnen.
Ha’amonga
Ha’amonga (Google Maps, Wikipedia) ist das Stonehenge des Pazifiks. Keiner weiß, was es genau sein soll, keiner weiß, wozu und wie man es gebaut hat und keiner weiß vor allem, wie man den querliegenden Stein hochgehoben haben könnte!
Mapu’a Vaea (Blowholes)
Die Blowholes in Tonga (Google Maps, Wikipedia) sind ein spektakuläres Naturschauspiel, das sich über einen großen Teil der Südküste Tongas zieht. Die Brandung des Meeres wird durch natürliche Kanäle im Vulkangestein gepresst, wodurch Fontänen entstehen, die nicht nur in ihrer Optik, sondern vor allem auch in ihrer Akustik beeindruckend sind.
Königspalast
Der Königspalast des Königs von Tonga (Google Maps, Wikipedia) ist ein kleines amerikanisches Einfamilienhaus mit einer großen Ummantelung durch Terrassen. Ob darin tatsächlich jemand wohnt oder regiert, sei dahingestellt, denn das Bauwerk erscheint baufällig und unspektakulär. Auch die drei Sicherheitsbeamten scheinen nicht gerade vor Diensteifer zu strotzen. Viel wahrscheinlicher ist, dass der momentane König Georg Tupou V (Wikipedia) in einer in den 1990er Jahren vom Kronprinzen Tupouto’a neu errichteten Villa ( Google Maps) residiert. Die neue Villa ist stark bewacht, eher abgelegen und sieht, vor allem im Vergleich zum Palast in Nuku’alofa, wesentlich besser aus.
Mit dem Königspalast wurde unsere Rundreise durch Tonga beendet und der Abend des Tages wurde im Billfish zelebriert. Ich hatte einen Snapper mit Kokosmilchsauce (1A!), ein paar Bier und guten Schlaf.
Beachcomber Island
Den 6. September 2007 habe ich nie erlebt. Der Flug von Los Angeles startete am Mittwoch, den 5. September 2007 um 23:15 Uhr, in Nadi/Fiji bin ich am 7. September 2007 um 5:55 Uhr gelandet. 6. September 2007, es wird dich nie geben!
Wie dem auch sei. Der 7. und 8. September waren Inseltage auf Beachcomber Island, der Party-Insel der Südsee. Hier werden keine Mühen gescheut, das Publikum bei Laune zu halten; entweder der Alkohol wird verbilligt ausgeschenkt oder das Abendprogramm zieht sich lange in die Nacht hinein. Was auch immer am 7. September angeboten wurde, ich habe es nicht mitgekriegt, denn ich lag ab dem späten Nachmittag mit Fieber im Bett.
Wir kamen an, packten unsere Koffer unter das jeweilige Bett (klar, dass ich mehrmals Betten tauschen musste, damit die ganze Rasselbande endlich zueinanderfinden konnte!) und erkundeten die Insel. Zwanzig Minuten später – nun kannte man alles – hatte ich meinen Lieblingsplatz gefunden und verbrachte einige Zeit einerseits damit, die Insel zu umrunden und ein paar Fotos zu machen, andererseis damit, im Whirlpool am Strand zu liegen und dem Meer beim branden zuzuschauen. Brandung gab es in dem Sinne keine, da auch Beachcomber Island von einem Riff umgeben ist, aber diese kleinen, putzigen Wellen können einen schon erfreuen. Irgendwann wurde mir kalt und ich wurde müde – das Fieber war da.
Ich legte mich ins Bett und hoffte auf Stille, die eintrat. (Es folgten Stunden der Erholung und des Schlafes. Zeit verging ohne dass ich etwas tun konnte, denn mein Körper brauchte die Ruhe. Der werten Leserschaft kann ich die Ruhe leider nicht gönnen, sondern muss sie mit einem Video strapazieren, das, sozusagen als Füllobjekt für meine Absenz während der Abend- und Nachtstunden auf Beachcomber Island, ein paar Dinge zeigt, die es auf der Insel so gegeben hat!)
Am nächsten Morgen erzählte man mir von einem großen Abendessen und einer Tanzvorführung – es war mir alles egal, denn ich hatte Hunger. Und Hunger zu haben zahlte sich auf Beachcomber Island schon aus, denn das Frühstück war reichhaltig und gesund, da fruchtig. Ich aß gemeinsam mit meinen Kollegen und machte eine abschließende Fotorunde.
Viel Zeit blieb nicht, denn schon bald hieß es Kofferpacken! An Bord gehen! In den Bus! Ins Flugzeug! Und ab nach Tonga!
Los Angeles
Während sich ein Großteil der Gruppe die Universal Studios in Los Angeles ansah, sich danach im Getty Museum mehr über die Architektur und den Garten als über die Bilder und Ausstellungsstücke freute und sich, abermals danach, wiedereinmal am Strand einfand, bestand mein Programm (und das von zwei mich begleitenden Kollegen) aus völlig anderen Stationen: Zuerst musste ein CF(Compact Flash) Karte gekauft werden, damit die nächsten Wochen fotografisch festgehalten werden konnten, danach würde es mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Downtown LA gehen und abermals danach wiederum zum Hollywood Boulevard. So der Plan. Wer allerdings glaubt, in Los Angeles mit den öffentlichen Verkehrsmitteln soetwas durchführen zu können, der irrt, und zwar gewaltig, denn den Luxus von U-Bahn, Bus und Bim gibt es in Los Angeles bei weitem nicht.
Die CF-Karte: Fry’s Electronics
Nimbus hat mich vor meiner Abreise ermahnt, meine Speicherkarten nicht vor eben jenem besagten Dienstag zu kaufen, denn da würden die Preise sinken. Der besagte Dienstag war vorbei und ich machte mich mit meinen Gefährten auf den Weg zu Fry’s Electronics, dem Media-Markt-Äquivalent in Los Angeles. Zuerst musste man mit dem einen Bus ein paar Kilometer fahren, dann mit einem anderen wiederum ein paar Kilometer und dann, irgendwo, war das Geschäft. Von außen konnte man es kaum erkennen, beim Anblick hätte ich eher an ein mexikanisches Restaurant gedacht, doch kaum trat man ein und wurde auf technische Geräte gefilzt, wusste man: hier würde es die Speicherkarte geben.
Es gab sie. Und sie kostete genausoviel wie sie mich in Österreich auch gekostet hätte. Und es wurde irgendeine Lexar 08/15-Karte. Nach Bezahlung – Gottseidank hatte ich Dollar in Banknotenform mit, denn meine österreichische Kreditkarte wurde bei Fry’s Electronics nicht akzeptiert! – machten wir uns auf den Weg zur Schnellbahn, die ja da irgendwo in der Nähe sein müsste…
Öffentliche Verkehrsmittel in Los Angeles
Wer nach LA fährt, sollte als erste Reisehandlung ein Auto mieten, denn jegliche andere Form von Transportmittel ist unmöglich.
Wir mussten mindestens eine Stunde lang gehen, bis wir die Station der Schnellbahn gefunden hatten, dann wieder lange warten, bis sie daherkam und als wir dann im Zug waren, wurde klar, dass sich der Tagesplan, wie ursprünglich gedacht, niemals ausgehen würde, da die Strecken einfach zu groß und weit waren, die wir mit diesem Zug zurücklegen mussten. Downtown wurde gestrichen.
Gab es eine andere Möglichkeit sich zu bewegen? Nein.
Gab es eine andere Möglichkeit den Tag zu verbringen? Nein.
Gab es irgendwas, das man hätte ändern können? Nein.
Nichtsdestotrotz war Los Angeles aus den öffentlichen Verkehrsmitteln betrachtet, eine völlig neue Erfahrung, denn beifahren kann man ja nicht, um die Eigenheiten der Menschen hier zu dokumentieren, außer eben in öffentlichen Zügen oder Bussen.
Am Hinweg zum Hollywood Boulevard (Sind wir 2 Stunden gefahren? Oder waren es 3? Ich weiß es nicht mehr!) gab es kaum interessante Dinge zu berichten. Lediglich eine Bombendrohung oä, sonst aber keine nennenswerten Vorkommnisse. Der Rückweg, um das gleich vorwegzunehmen, gestaltete sich schon wesentlich interessanter. Das aber auch, vielleicht, weil wir mit Bussen und nicht mit Zügen heimfuhren.
An der Busstation trafen wir ein paar Typen, die sogleich (siehe Bild oben) für ein Foto posierten. Im Bus selbst wurde unsere weibliche Begleitung andauernd angebraten und mit Komplimenten überhäuft. Wir wurden Zeugen einer durch Fast-Food angezüchteten Fettleibigkeit, die fast schon unvorstellbar schien. Wir stellten fest, dass öffentliche Verkehrsmittel einzig für die Unterschicht der Stadt vonnöten waren und waren dadurch mit Leuten eines ganz bestimmten Schlags konfrontiert. Äußerst interessant das alles…
Hollywood Boulevard
Mein lieber Kollege wollte unbedingt das Kodak Theatre besichtigen und sich dem filmischen Gipfel des Olymp hingeben. Wir anderen zwei willigten ein und besuchten das Kodak Theatre wiederum. Während Kollege und Kollegin eine 20-Minuten-Führung durch das Gebäude besuchten, schlug ich meine Zeit mit Fotografien und dem ekligsten Espresso bis zu jenem Zeitpunkt tot. Wer im Coffee-Bean and Tea Leaf Kaffee trinken will, der sollte es besser bleiben lassen.
Zum Hollywood Boulevard: Die Oscarverleihungen sind ein Spektakel sondergleichen. Stars kommen an, steigen aus ihren Limousinen aus, Menschenmassen winken ihnen zu und Heerscharen an Journalisten und Fotografen versuchen einen guten Treffer zu landen. – Schmeck’s! Das Kodak Theatre ist vielleicht das höchste Gebäude der Straße, doch langweilig ist es trotzdem. Die Straße selbst, und bitte, liebe Leserschaft, wir sprechen hier über den Hollywood Boulevard!, entspricht einer österreichischen Landstraße, die von einem Dorf umgeben ist. Einzige Ausnahme: In den USA gibt’s auf dieser Straße auch Pizza Hut und Friday’s, bei uns nur McDonald’s! Dieser Hollywood Boulevard war eine Enttäuschung der allergrößten Sorte: der größte Schmarr’n überhaupt!
Rückreise
Der Tag endete, wie ich schon geschrieben habe, in einer stundenlangen Busfahrt und sozialkritischen Betrachtungen. Angekommen im La Quinta stand aber nun das echte Zielgebiet unserer Reise bevor: der Sprung in den Südpazifik. Südhalbkugel, Jahreszeitenwechsel und Paradies ohne Ende waren die vorgesehene Zukunft. Alles, aber auch alles sollte anders kommen.
Wien – London – Los Angeles
London Heathrow ist ein großer Flughafen, den man als Reisender nicht mögen kann. Ich zumindest mag ihn nicht. Als Passagier wird man über Hintergänge zur Sicherheitsprüfung geschoben, dort lässt man dann seine Zahnpastatuben kritisch beäugen, räumt den ganzen Koffer wieder ein und wird ins Nichts entlassen, denn die Terminals des Flughafens sind so weit voneinander entfernt, dass Busse die Passagiere von hier nach dort bringen. Der letzte Flughafen in Europa, bevor man zum großen Sprung ansetzt, und dann das!
Mit Air New Zealand ging es dann von London nach Los Angeles und Wien war schon vergessen. Vergessen die Abschiedstränen der Mitreisenden, vergessen die Alltagssensationen wie gestohlene Handtaschen und ungültige Tickets. Was jetzt zählte, war Los Angeles. Die Müdigkeit nach dem Flug wollte in einem angenehmen, vom Reiseleiter versprochenen Kingsize-Bett aus dem Körper entlassen werden.
Los Angeles
Der Flughafen in LA ist zwar genauso hässlich wie der in London, aber nicht ganz so groß. Man kommt heraus, nimmt ein Taxi und ist weg. Doch nicht bei uns. Aus irgendwelchen Gründen warteten wir mehr als eine Stunde auf irgendwas, das ich bis heute noch nicht weiß. Egal.
Im La Quinta, so der Name des Hotels, wurde schnell klar, dass die geforderten Kingsize-Betten eigentlich nur ganz normale Betten waren. Zimmer wurden getauscht, Doppelbelegungen geduldig akzeptiert. Der Schlaf, der geruhsam sein sollte, war es nicht. Am nächsten Tag stand eine Rundfahrt bevor.
Downtown, Hollywood und Venice Beach
Wer schon einmal in LA war, weiß, was das für ein Dorf ist. Wer nicht, der hat es hiermit gelesen. Downtown ist eine Ansammlung ehemals sicherlich protziger Hochhäuser, die, wenn nicht abgerissen, zu Lagerhallen und Hotel umfunktioniert wurden. Der Großteil der Innenstadt besteht aber aus Parkplätzen. Irgendwo fand ich ein Café (Angelique Café), wo ich einen Espresso zu mir nehmen konnte. Das war zwar eine geschmackliche Qual, aber zumindest das Drumherum war angenehm! Das zu Downtown.
Hollywood, der Hollywood Boulevard respektive Beverly Hills enttäuschen noch mehr. Was im Fernsehen gezeigt wird, erinnert an eine glamouröse Luxusmeile, die mit einem schwarzen Bürgersteig und seinen eingelassenen Sternen und Stars aufwarten kann; Was ist es wirklich? In Österreich würde man dazu Landstraße mit Gebäuden dran sagen. Gegenüber vom ach so großartigen Kodak Theatre ist ein McDonald’s, gleich daneben ein Scientology Test Center und das war’s. Der Rest entspricht Gramatneusiedl im Sommer (nur dass die in Gramatneusiedl keine Klimaanlagen haben)!
Der Gott-sei-Dank! krönende Abschluss der Rundfahrt durch LA war dann der Strand Venice Beach. Der Strand, der gleich an den Baywatch-strapazierten Strand von Malibu anschließt, konnte mit einigen beeindruckenden Szenen aufwarten. Nicht nur war der Strand einfach schön, auch die Einkaufs- und Barmeile erfreute das Gemüt. Das lag aber weniger an den hiesigen Lokalen, sondern wesentlich mehr an den Menschen, die dort ihr Dasein fristeten. Einige von ihnen verkauften Drogen, die anderen trainierten, wiederum andere brachten Kunst an den Mann, die meisten aber – Asiaten – versuchten die Promenierenden zum Essen zu bewegen. Nicht aufdringlich, aber fordernd.
Abendessen und ab ins Bett
Das Abendessen wurde getrennt voneinander eingenommen. Meine Homies (das Wort wird in Zukunft noch eine Rolle spielen!) fanden sich bei einem Griechen ein, bei dem ich den ekligsten Salat gegessen habe, den man dort bekommen konnte. Irgendwie wurde ich den Eindruck nicht los, dass mir alle Beilagensalate serviert wurden. Den Homies hat es geschmeckt und wieder angekommen im La Quinta versuchten wir wieder zu schlafen, was natürlich eine Qual war. Für den nächsten Tag hatte ich gänzlich Anderes als die Gruppentour geplant.
Café Szparka
Moment 1
Der Galerieplatz ist nur zu empfehlen. Neben mir zwei Beine einer gut gebauten Frau, die mir den Hintern praktisch auf Augenhöhe präsentiert. Sie steht an der Ecke der Galerie und sieht auf die Gäste hinunter, die ihre Blicke neugierig und erwartungsvoll erwidern. Ich sehe einfach nur ihren Hintern an. Viel mehr kann man ja eigentlich nicht sehen. Unter ihr etwa zwanzig Personen. Drei Männer spielen konzentriert Backgammon und trinken unaufmerksam Tee, Orangensaft und Scotch. Die zwei Blondinen, die gleich neben ihnen vernachlässigt und offenbar wartend dasitzen, lachen viel, unterhalten sich wild gestikulierend und löffeln dabei lustlos in ihren Eisbechern herum. Das Pärchen im Eck kam erst vor kurzem hinzu und studiert momentan, schwer bemüht, denn das verdunkelte Licht macht das Lesen schwierig, die Karte. Was isst denn du? Ich weiß es nicht, du? Ich weiß es auch noch nicht.
Die Dame, die neben den beiden sitzt, raucht. Sie raucht, seitdem ich da bin und sie raucht eine Zigarette nach der anderen. Ihr Caffè Latte ist sicherlich schon kalt und steht unberührt bestimmt schon seit mehr als einer Stunde da.
Gleich unter dem Hintern der Gutgebauten sitzen zwei, die sich als ich den Text zu schreiben begonnen habe, noch etwas fremd waren, jetzt aber händchenhaltend und lächelnd überlegen, wohin sie gehen sollen. Ich kann dieses laute Überlegen bis hier herauf hören.
Die Musik ist ähnlich der, die in der Buddha-Bar gespielt wird, die Klimatisierung auch.
Ein Blick in den Gang verrät mir, dass sich der Kellner, der mich heute ausnahmsweise bedient, langweilt. Im ersten Stock/auf der Galerie sitze ja auch nur ich mit meinem Notebook und sechs weitere Personen, die allesamt irgendwie beschäftigt scheinen. Die Galerie scheint ein Ort der Beschäftigung zu sein. Hier zählt der Arsch der Gutgebauten am Eck nichts mehr.
Moment 2
Gordon’s Gin und Martini Extra Dry. Diese Mischung steht neben dem Laptop. Es wird heiß hier. Die Klimaanlage funktioniert nicht und draußen hat es knappe zweiundzwanzig Grad. Der Kellner erkundigt sich, ob mir die Mischung passe. Sie passt.
Die Backgammonspieler streiten sich. Irgendein Zug war so nicht möglich, wie ihn einer der Spieler getan hat, die anderen zwei wollen das so nicht gelten lassen. Die zwei Blondinen unterhalten sich nach wie vor. Vielleicht warten sie ja doch auf niemanden.
Das Pärchen im Eck hat gewählt und ein Eiskaffee (sie) sowie ein Bier (er) stehen auf dem Tisch. Während sie versucht das Eis herauszuholen, trinkt er das ganze Bier aus. Er deutet dem Kellner, noch eines zu bringen.
Die Raucherin hat ihre Zigarette weggelegt und ihre Freundin empfangen. Das Getränk am Tisch ist leer, sie lächelt, schaut aber, sobald die Freundin sich im Lokal umsieht, wieder traurig drein. Irgendwas scheint hier nicht zu stimmen.
Das Pärchen unter der Galerie sitzt nach wie vor da. Er hält ihre Hand mit der einen Hand, streichelt ihren Arm mit der anderen. Während er offen dasitzt und ihr demonstrativ tief in die Augen schaut, sitzt sie verschränkt da, lässt es aber zu, dass er sie berührt.
Moment 3
Das Backgammon-Spiel ist beendet und es werden Regeln erklärt. Die drei Herren haben mittlerweile alle ein Bier am Tisch stehen und lachen gemeinsam über Geschichten, die einer erzählt. Die zwei Blondinen unterhalten sich nach wie vor, ebenso das Prächen im Eck.
Die Raucherin hat wieder angefangen zu rauchen und scheint zu weinen. Ich kann das von hier oben nicht erkennen, aber die tröstenden Gesten ihrer Freundin deuten ebenso daraufhin, wie die Ansammlung von Taschentüchern auf der Bank, die sie zu verstecken sucht. Sie erklärt und die Freundin nickt. Sie gestikuliert und die Freundin nickt. Sie erklärt, spricht, redet, argumentiert. Die Freundin nickt.
Die zwei unter der Galerie haben aufgehört darüber zu reden, wohin sie nachher gehen wollen. Sie haben Getränke bestellt und neue Sitzpositionen eingenommen. Er weiß schon längst, dass das nichts mehr werden wird, sie hat sich soeben zu einer lockereren Sitzposition hinreißen lassen.
Moment 4
Der Gedanke an Backgammon und dessen Regeln ist verschwunden. Die Herren lachen miteinander, trinken Bier und unterhalten sich, ebenso wie die Blondinen und das Pärchen im Eck, wo auch die Kellnerin auf neue Order wartet. Die Raucherin erzählt ihre Geschichte nocheinmal. Die Freundin hört zu.
Das Pärchen unter der Galerie hat ausgetrunken und lange diskutiert. Sie gehen. Zu ihr.
Adresse und Infos
Café Szparka
Pl. Trzech Krzyży 16a
00-499 Warszawa, Polska
Gratis W-LAN.
Galerie Sopron, Ungarn
Wieder Wien
Zurück in Wien, dieser alten Stadt im alten Europa. Der Flug von Schanghai nach Frankfurt hatte vier Stunden Verspätung und dauerte dann auch noch elf Stunden (und sie haben Narnia gespielt… Narnia!). Der Anschlussflug nach Wien hat gewartet und war es beim letzten Mal so, dass mich die bittere Realität schon im Flugzeug von Schanghai nach Frankfurt eingeholt hat, so hatte ich diesmal Glück und bekam den Österreichschock erst im Flugzeug von Frankfurt nach Wien, dafür aber dann “voi”. Glücklicherweise war es mir vergönnt, wenig von diesem Wahnsinn mitzubekommen, da der Schlaf mich gnädig überkam. Ich wurde erst durch die Ansage des Kapitäns zur Landung wieder munter und die fand in einem Wien voll nächtlicher Kühle statt. Der Koffer war, wie schon im letzten Jahr, in Frankfurt geblieben und wurde später nachgeliefert. (Ach ja, hab ich erwähnt, dass die Waage in Shanghai nicht funktioniert hat? ;-)
Busfahren, ein iPod und vier Sterne mehr
Die Überfahrt von Haikou nach Sanya gestaltete sich angenehmer als erwartet. Erstens verlässt alle zwanzig Minuten ein Bus die Hauptstadt in Richtung Süden, zweitens hatte ich Glück und habe einen vollklimatisierten de luxe Bus erwischt, drittens war der Bus nur zur Hälfte gefüllt. Da sich dennoch jemand neben mir niederließ und das Gepäck sowieso nicht optimal verstaut war und überhaupt, bin ich nach hinten übersiedelt und habe es mir in der vorletzten Reihe neben einer schüchternen Chinesin (ca. 25-30 Jahre alt) gemütlich gemacht, die sich in wenigen Minuten als viel weniger schüchtern als ich dachte herausstellen sollte.
Ich stellte mein Gepäck auf die Rückbank und begab mich ins ipodsche Universum als es plötzlich an meiner Schulter klopfte und die schüchterne junge Dame mich ansprach:
Sie: Geben Sie mir den iPod, ich will Musik hören!
Ich: Nein. Ich will selbst hören.
Sie: Hmpf.
Ich: Na gut, einen Ohrhörer.
Und sie setzte sich zu mir und hörte, sang mit und irgendwann dazwischen, als ich plötzlich einen mechanisch-ziehenden Schmerz in meinem Ohr spürte, tanzte sie gerade im Sitzen! Jedenfalls gelang es dieser Frau meine Sympathien zu wecken – ich weiß nicht, warum! -, ich erbarmte mich ihrer und erklärte ihr, dass da eben nicht nur Musik aus den USA drauf war, sondern dass es auch andere Länder auf dieser Welt gäbe, die Musik machten. Sie war ziemlich erstaunt, neugierig und interessiert, stand ganz besonders auf italienische Musik (weil die Sprache so schön ist, so eine schöne Sprache!). Nun, diese junge Frau verbrachte angenehme drei Stunden, nämlich den ganzen Weg von Haikou nach Sanya mit meinem iPod und Erzählungen über ihren Freund, der in Sanya auf sie wartete, und was sie nicht und überhaupt und sowieso…
Kurz vor der Ankunft in Sanya beendete jedoch der Akku diese… diese… diese Phonophilie und sie fragte mich, in welchem Hotel ich denn untergebracht sei. Ich erklärte ihr, dass es da noch kein fixes Hotel gäbe, ich aber plane, mich in diesem und jenem niederzulassen; es sei mir egal wo, Hauptsache, der Preis übersteigt die 80 RMB pro Tag (8 EUR) nicht. Na, da lässt sich sicherlich was machen, meinte sie und erklärte mir, dass sie auch nur in einem Hotel wohnen würde (mit meinem Freund, der nicht doch das und sogar das und überhaupt…), weil sie hier ein Training mit der Belegschaft von – das hab ich dann icht verstanden, weil der Bus in just diesem Moment hupen musste – durchführen muss (… was auch immer?!??).
Sie telefonierte herum und nach ein paar Minuten erklärte sie mir, dass sie ein Zimmer für mich in ihrem Hotel organisiert hätte um eben jene 80 RMB pro Tag, wenn es mir nicht gefallen sollte, wäre das auch kein Problem, dann könnte ich ja in mein ursprünglich geplantes Hotel fahren, denn einerseits – und hier die Erklärung: das Hotel liegt nicht dort, wo dein – wir waren mittlerweile per Du, wobei das hier lediglich eine interpretatorische Feststellung meinerseits ist, denn im Chinesischen gibt es keine Form für Sie – Hotel liegt, das ist eine andere Gegend und vielleicht gefällt dir sowas ja nicht, aber probieren kannst du es jeden Falls. Warum nicht? Und ausgestiegen, ihr gefolgt.
Wir gingen etwa zehn Minuten zu Fuß – es ist gleich da vorn! – und standen dann vor einem 4 Sterne Hotel mitten in einem Villenviertel als sie meinte, dass es dieses hier sei, ob ich gleich weitergehen wolle oder ob ich vielleicht doch einen Blick da hineinwerfen… Ja? Gut, dann lass uns gehen!
Das Hotel war eine Ansammlung an Luxus wie er mir gerade einmal aus Hotels in Shanghai bekannt war, deren so klingende wie kitschige Namen denen von Stränden und Städten im pazifischen Raum ähneln. Jedenfalls, der langen Rede kurzer Sinn: Ich lebte fortan in einem Zimmer, das etwa 100 EUR pro Tag kostete, um 80 RMB. Den Pool am Dach konnte ich benützen wie und wann es mir beliebte (“Es ist besonders schön bei Mondschein über der Stadt zu schwimmen!”), sie hatte mir Freigetränke an der Bar verschafft und Gratisessen in den sieben hoteleigenen Restaurants. Wer war diese Frau und warum tat sie das und wo war der Haken? Und als ich sie danach fragte, kam eine äußerst interessante Antwort:
Du warst zu einer total Fremden freundlich, hast ihr deinen wertvollen mp3-Player geborgt ohne skeptisch zu schauen und ihr sogar die Liedtexte fast drei Stunden hindurch erklärt. Du hast deine Zeit für sie geopfert, also lass sie dir dafür etwas zurückgeben. Ich bin Assistant Manager dieses Hotels. Wenn es dir an irgendwas fehlt, ruf mich an!
Und sie ging. Wir trafen uns am nächsten Tag zum Frühstück und sie begleitete mich am Abend noch zu einem der Strände, der weniger gut erreichbar war. Am Tag der Abreise stand sie ebenso um fünf Uhr morgens auf, verabschiedete sich von mir, wünschte mir einen guten Flug, hoffte, dass ich bald wieder nach Sanya kommen würde und blieb solange winkend auf der Straße stehen, bis ich sie aus dem Taxi heraus nicht mehr sehen konnte.
Essen, egal ob’s schmeckt oder nicht
Ich habe mich schon des öfteren gefragt, warum denn das so sei, nämlich, dass ich manchmal in der Früh aufwache und Lust habe Dinge zu essen, vor denen mich normalerweise graust. Es geht jetzt nicht darum, welche Dinge ich in der Früh esse, sondern überhaupt. (Das muss hier erwähnt werden, denn es gibt Menschen, die behaupten, dass ein klassisches Frühstück nicht auswechselbar sei gegen Speisen, die normalerweise in unserem Kulturkreis eher einem Mittagessen zuzuordnen wären.)
Nehmen wir beispielsweise die Grauslichkeit par excellence her: Fleischbällchen von Ikea. Farblose, matschige, pürierte Fleischkatschklumpen, die genauso ekelhaft schmecken, wie ihr Name schon klingt: Fleisch-Bällchen. Die Sauce, die der motivierte Ikea-Koch da drauf tut, hat den geschmacklichen Charme von Leim und lediglich die Pommes Frites sind einigermaßen essbar. Zu Ikea Fleischbällchen, wie schon Ronny H auf flickr kommentiert hat, gibt es nur eines zu sagen: Everything on this plate looks like it came boxed and frozen. Disgustingly vulgar porn! nice work! Doch nun weiter.
Ich mag Würstl nicht. Da können sie noch so fein sein, noch so raffiniert gewürzt und mit was-weiß-ich-was verfeinert: ich mag sie nicht. Einen Hot Dog ab und an lasse ich mir einreden, dann liegt aber der Genuss mehr im Ganzen, also der überlaufenden Präsenz an Ketchup und Senf und dem im Verhältnis überdimensionierten Brot, in welchem dann das Würstl steckt. Das war’s dann aber auch schon. Ach ja, wenn es irgendwo ein gutes Gulasch gibt, dann lasse ich mir ein Würstl auch noch einreden, aber dann war es das auch schon wirklich. Und dann geschieht sowas: Ich bin in Haikou unterwegs und alle, wirklich alle essen diese Würstl am Spieß. Jetzt ist es nicht gerade weise, sich in China an die selbsterstellte Regel zu halten, dass alles, was viele essen, auch gut ist. Trotzdem bin ich zum hiesigen Verkäufer gegangen, habe mich nach dem Preis erkundigt (1 RMB) und so ein Ding bestellt. Das Würstl wird ein wenig angebraten, danach mit irgendeinem Fett/Öl/keine Ahnung eingeschmiert, danach mit Chillipulver oder ähnlichem Zeug bestäubt, danach mit Sesam verziert. Und es schmeckt eigenartig, aber gut. Es ist in etwa so, wie wenn man in einen Marshmellow beißt, der in Aussehen und Geschmack einer Wurst ähnelt. Aber diese Gewürzmischung macht es dann aus. Und dass mir jetzt keiner eine Currywurst einredet!
Ja, und nun der letzte Kandidat, der mich ob meiner lebensmitteltechnisch nicht vorhandenen Bildung einige Überwindung gekostet hat: 甘蔗 (Ganzhe), aka der Baum. Dieser Baum wird in Haikou praktisch überall verkauft und nicht wenige Einwohner der Stadt sieht man an diesen Ästen kauend in der Gegend herumrennen. In Österreich wäre sowas bestimmt verboten, allein schon aufgrund der potentiellen Gefahr, die von so einem Trumm ausgeht (immerhin ist so ein Ast ja mit seinen fünf bis zehn Zentimetern Durchmesser bestimmt schon eine Waffe!). Totschlag oder so, man weiß ja nie. Jedenfalls habe ich mir so einen Ast gekauft (wieder 1 RMB) und daran herumgekiefelt bzw. gezuzelt, denn: Man kann zwar in den Ast beißen, das Geschmackliche ist jedoch in Form einer süßen Flüssigkeit darin enthalten, die man heraussaugen muss. Aufgrund der Süße dieses Saftes hatte ich die Vermutung, die sich später dann auch in Gewissheit gewandelt hat, nämlich, dass ich hier gerade an einem Zuckerrohr nagte. Gut war’s, hiermit Ende.
Haikou
Kunming war nett, aber es hat zu regnen begonnen und überhaupt war es nicht mehr möglich, so der Wetterbericht, in der mir noch verbliebenen Zeit die Provinz zu besuchen, ohne andauernd auf ein wenig Sonne hoffen zu müssen. Somit wurde der Besuch und das Besichtigen der interessanten Geographie Yunnans auf vorläufig ungewisse Zeit verlegt. Allerdings gab es da noch Plan B, die Besichtigung der Insel Hainan, genauer: der beiden Zentren der Insel, nämlich einerseits das im Norden gelegene Haikou, Hauptstadt der Provinz und somit von apriotischem Interesse, andererseits die Tourismushochburg Sanya ganz im Süden der Insel, vor der ich mich aber getreu dem Motto “Einsam ist geil” ein wenig fürchtete, hörte man doch von den anderen Fluggästen, dass es da unten nur so von Touristen wimmele und eigentlich sei es nicht sehr interessant. Da unten.
Ankunft in Hainan
Gelandet bin ich am Flughafen Haikou, der etwa eine halbe Stunde Busfahrt vom Stadtzentrum entfernt ist. Noch bevor ich überhaupt aus dem Flughafen raus war, hatte ich schon das Ticket des Shuttlebusses in die Stadtmitte, dessen Fahrer mir versicherte, dass er auch bei dem Hotel vorbeifahren würde, das ich als Unterkunft in Planung gehabt hätte. (Es ist nämlich mit diesen Bussen so, dass sie überall und immer dann stehen bleiben, wenn es einer der Fahrgäste wünscht…) Es war aber so, dass dieser Bus nicht einmal in die Nähe des Hotels fuhr, wo ich hinwollte. Er blieb irgendwann mitten in der Stadt mit dem Vermerk “Endstation” stehen und da war ich nun und hatte keine Vorstellung, wo ich mich eigentlich befand. Es war dann auch egal, denn vor mir war ein großes, sehr nobel wirkendes Hotel, womit sich meine Optionen nun so darstellten:
- Ich konnte mir ein Taxi nehmen, zum gewünschten Hotel fahren, dort ein Zimmer belegen und mich touristisch gehen lassen.
- Ich konnte in dieses Hotel hineingehen, an der Rezeption mit dem Verhandeln anfangen und hoffen, dass man mir einen guten Preis machen würde.
Der Logik folgend (und was konnte ich verlieren?), bin ich ins Hotel vor mir hineinmarschiert und habe dem Rezeptionisten erklärt, dass ich das Einzelzimmer zum Diskontpreis von etwa 500 RMB pro Tag um 100 RMB pro Tag nehmen würde; ob er denn einverstanden wäre? (…) Irgendwann war er’s und ich bekam das nette Zimmer im zwölften Stock um den von mir gewünschten Preis. Ausblick: traumhaft, das Zimmer: sauber und überhaupt war’s nett. So ganz im Allgemeinen und überhaupt so.
Haikou
Haikou selbst ist eine reizvolle und im Verhältnis zu anderen chinesischen Städten äußerst freundliche Stadt. Die Menschen laufen mit einem Dauergrinser im Gesicht herum, überall wird man mit “Hello!” begrüßt, aber nicht auf die aufdringliche oder verspottende Art, wie man es teilweise im Norden Chinas zu hören bekommt, sondern auf eine einladende Weise, die zu einem weiteren Gespräch reizt, das auch wirklich geführt werden kann.
Die Stadt hat gewisse Ähnlichkeit mit Havanna, subtrahiert man dessen Bewohner, den Salsa und die Zigarren und addiert man an deren Stelle Chinesen, einen etwas höheren Lärmpegel und diverse Individuen, die das Dasein einer chinesischen Stadt ausmachen. Ansonsten: vieles gleich, ist ja auch kein Wunder, war doch die Stadt, soweit ich das richtig verstanden habe, einst eine portugiesische Kolonialstadt, die als Port für den Handel mit dem in Hainan produzierten Kaffee diente…
Englischlehrer und Bentoboxen
Erster Punkt des Tagesablaufs eines Reisenden ohne Frühstück, ist das Aufsuchen eines geeigneten Lokals zur Einnahme von Nahrungsmitteln. So geschehen und bald gefunden. Es war eine Bento-Box mit Hendl, Gemüse, Reis, irgendeiner scharfen Sauce, irgendeiner sehr scharfen Sauce und irgendeiner höllisch scharfen Sauce. Es war gut und ich hab’s gut überlebt – und das Essen fand nicht einmal in geiler Einsamkeit statt, denn kaum dass ich das Lokal betrat, wurde ich von einer angeblichen Englischlehrerin angesprochen, die einfach nur sprechen üben wollte. “Angebliche” Englischlehrerin deshalb, weil ich dieser Frau nie und nimmer glauben wollte, dass sie tatsächlich Englisch studiert hat, was sich auch als wahr herausstellen sollte, sie hat es selbst nur in der Schule gelernt, aber das musste für die Volksschüler reichen. (Was lernen die da? Hello!)
Der obligate Stadtspaziergang
Danach Stadtspaziergang in weiter Ausdehnung, also Restaurantviertel (wahrscheinlich sind ein oder zwei Restaurants hier tatsächlich zugelassen), Prostitutions- (keine Lizenz), Spielhöllen- (schon gar keine Lizenz) und Dealer-Viertel (müssen die vielleicht die Lizenzen unterschreiben?), diverse Märkte, Brücken und Parks, wobei der letzte Park, den ich an diesem Tag besuchen sollte mit der Überraschung der Präsenz eines Strandes aufwartete, was sofort meinen Weg diese Strand entlang festigte.
Der Strand
Der Strand mündete in einen befestigten Weg (á la Malecón), der von Straßenmusikanten bespielt, von Pärchen romantisiert und von kleinen Würstelbuden, Garküchen und Ganzhe-Verkäufern als Lokalität benutzt wurde. Kurzum, es war Leben auf dieser Straße und es war ein Vergnügen hier am Meer, bei vollem Komfort infrastruktureller Präsenz, entlangzuspazieren.
Am Ende des ersten Tages wurde mir klar, dass Taxis in Haikou zu den teuersten Taxis China gehörten. Das Taxameter schoss wahrlich in Höhen, die man in China als astronomisch bezeichnen konnte, und meine Vermutung, dass hier Manipulation den Gewinn bringt, wurde durch die Rezeption meines Hotels nach Vorlage der Rechnung mit der Belehrung, dass Taxis in Haikou wirklich teuer seien, zunichte gemacht. Ab ins Zimmer, Ruhe.
Über die Brücke Nudeln
Nachdem gestern von Eindrücken nahezu schon überladenen Tag, kehrte dann heute doch noch Ruhe ein. Das Wetter wollte mir keinen zweiten solchen Tag vergönnen, war es doch gestern angenehm kühl gewesen, so erwartete mich heute eine Wasserwand vorm Fenster.
Nr. 387, wir erinnern uns, das war die nette Rezeptionistin, die mich am liebsten gleich wieder aus dem Hotel geworfen hätte, ward seit gestern nicht mehr gesehen. Ich habe heute sogar Nr. 169 (Frühstücksvoucherabreisserin) gefragt, ob sie wisse wo denn Nr. 387 sei, aber auch sie wusste es nicht, ebensowenig wie Nr. 20 (wohl eine Art Manager), Nr. 107 (Frühschichtrezeptionistin) und die Dame an der Bar (keine Nummer). Auch schön.
Die Über-die-Brücke-Nudeln habe ich am Heimweg vom Internetcafé auch noch bekommen. Diese Nudeln sind ja mehr Geschichte als echtes Essen und weil die lesenden Massen diese Geschichte auch kennenlernen wollen, voila, hier ist sie in pragmatischer Kurzfassung:
Frau will Mann Essen bringen, weil er ihr ja sonst verhungert, die Nudeln werden aber jedes Mal kalt. Frau kommt drauf, dass wenn man eine Ölschicht auf die Suppe obendrauf tut, sowohl die Suppe als auch die Nudeln in der Suppe länger warm bleiben. Sie muss, um zum Arbeitsplatz des Mannes zu gelangen, über eine Brücke.
Das war’s. Das ist die Geschichte.
Und was sind das nun für Nudeln?, fragt die Leserschaft. Dicke Reisnudeln, die in einer Hühnerbrühe mit einer öligen Schicht obendrauf gekocht werden, nachdem man Unmengen an Zutaten zuvor in die Suppe geworfen hat. Das wird meist von der Kellnerin erledigt, die gestern mit den Worten “The waitress is always friendly!” 0,8 Sekunden nachdem die Teller mit den Zutaten (von denen ich 95% nicht erkennen konnte und von diesen 95% nach visueller Begutachtung 100% nicht haben wollte) vor mir hingestellt wurden und ich noch gar keine Ahnung hatte, was mich gleich erwarten wird, alle Beilagen in den Suppentopf geworfen hat: Rindfleisch, vier Sorten Fisch, irgendwelche krautartigen Dinge, irgendwas, das fürchterlich stank (ich musste diese Ding jedesmal untertauchen, wenn’s an die Oberfläche kam, so schlimm war das!), Tofukruste, Unmengen an Gemüse, und noch irgendwas, von dem ich nichteinmal sagen konnte, ob’s nun Fisch, Fleisch, Gemüse oder einfach nur Altplastik war – und dann halt noch die 95%. Alles in allem waren die Nudeln okay, die Suppe… auch, das eingeworfene Zeugs habe ich dezent im Topf gelassen und die Beilagen – in Scheibchen geschnittener Aal, Leber mit Scharf (ah, gut Mann!), weiche marinierte Erdnüsse (höllisch scharf!) und sowas wie Salat dazugeworfen. Dann schnell aus dem Lokal. Und nicht einmal das war einfach, denn…
Die Kellnerin, die alles in meinen Nudeltopf befördert hat, war sehr jung. Vielleicht sechzehn oder siebzehn, wenn überhaupt, aber freundlich. Vollkommen fasziniert blättert also das Mädel in meinem Reiseführer, sieht sich in aller Ruhe meine Geldtasche (und meine Fotos in diversen Ausweisen) an, kramt dann in meiner Tasche herum und wäre ich nicht in einem Sackgang (als Äquivalent zur Sackgasse) gesessen und sie im Sackende gestanden, ich wäre wohl wahnsinnig geworden, aber der Tee… ja, der Tee… Naja, jedenfalls hat die junge Dame gar nicht mehr aufhören wollen und vor allem die Euromünzen (warum hatte ich Euromünzen dabei?!??), die sie extrem hässlich fand, haben es ihr angetan. Nein, sie wollte keine haben und keine stehlen, nur genau anschauen. Jetzt war ich also in der Zwickmühle: Auf der einen Seite hat sie mir ja – the waitress is always friendly – diese Nudeln zubereitet und sich redlich bemüht mir zu erklären, wieso, weshalb und überhaupt – auf der anderen Seite war das Zeug einfach nicht gut und ich wollte weg. Wie geht man in so einem Fall vor? Wegschicken? Nein! Sie war zu jung, um mit dieser Form der Ablehnung jetzt schon konfrontiert zu werden. Fotografieren? Nein, das wäre ja dann gemein gewesen. Sagen, dass man ungestört essen möchte – zu spät, ich hatte ja schon probiert während sie sich meine Sachen angeschaut hat. Also was? Irgendeine Gottheit hat es dann doch gut mit mir gemeint und sie musste wieder arbeiten – darauf aufmerksam gemacht mit einem Klapps auf den Hinterkopf durch eine Vorgesetzte, die plötzlich, wie aus dem Nichts, hinter ihr stand (meine Güte, der Tee… da muss man wirklich aufpassen!). Ich werfe also alles, was es da an Ess-Gerät noch gibt (und damit meine ich die Speisen!) in den Nudeltopf, schnappe mein Zeug und bamm!, weg war ich! Und mitten in der Flucht vor einer völlig Fremden kommt mir dann die Frage, die ich kurz zuvor im Internetcafé gelesen habe:
Doch wann beginnt der Kompromiss, und wann hört man auf, man selbst zu sein?
Ich weiss es nicht, aber man merkt es sowieso erst danach und dann ist es zu spät. Gegen die Tür gerannt, heimgegangen.
Heimito von Doderer über Bildung
Er vermochte also, was an Begriffen geboten wurde, nicht nur als plane Übersetzung in die Physik seiner Merkfähigkeit aufzunehmen, sondern es ein Stockwerk tiefer, in die Chemie seines persönlichsten Lebens wirkend einsickern zu lassen. Er vermochte, aus einer Überzeugung bei sich eine Eigenschaft zu machen, das heißt, nicht nur zu wissen, sondern dieses Wissen in der Wärme seines Lebens aufzulösen, bis zu dem Grade, dass es seinen Gegenstand verlor und damit auch jeden Zusammenhang mit der Merkfähigkeit; vielmehr ging es jetzt frei aus, sich einen selbstgewählten neu zu suchen. Ohne Scherz, das allein ist Bildung…
Heimito von Doderer: Die erloschenen Fenster. Seite 100. (Notiert während einer 24-stündigen Zugfahrt von Shanghai nach Kunming.)

























