Von Gmail immer mehr enttäuscht und vom Komfort des Spotlight-Indizierens verwöhnt, habe ich die Gmail-Oberfläche gegen Apple Mail eingetauscht und unterziehe das Programm in den nächsten Wochen einem Belastungstest. Vor allem wird für mich
- der Import und die Verwaltung von etwa 70.000 E-Mails aus diversen Postfächern,
- der Apple-Mail-Spamfilter (und seine Zusammenarbeit mit den Spamfiltern der verschiedenen Server, von denen ich meine Mails abrufe),
- das Synchronisieren mit dem iPhone und
- die Integration ins gesamte System
interessant werden.
Gmail wird frech
Abgesehen von der üblichen Gmail-Paranoia, beginnt Google, besonders durch das große Angebot von Applikationen für mobile Endgeräte langsam aber sicher nicht nur mein Verhalten im Internet, sondern auch außerhalb zu protokollieren. Das iPhone ist hierfür das perfekte Werkzeug; mit GPS und Internetzugang ausgestattet, liegt der Kompletterfassung meiner Bewegungen on- und offline nichts mehr im Weg.
Besonders bitter ist allerdings die Gmail- (oder Googlemail-) Pille. Wir haben akzeptiert, dass Google unsere E-Mails liest, um auf den Inhalt abgestimmte Werbung einzublenden. Wir haben akzeptiert, dass diese aggregierten und personalisierten Daten praktisch für immer gespeichert werden. Wir haben anderen Google Diensten oder Websites, die mit Google kooperieren (eBay, Blogger, Orkut und jede Website weltweit, die Google Analytics einsetzt), noch ein bisschen mehr Informationen über uns preisgegeben – das allerdings während wir online waren. Mit dem iPhone, wie gesagt, dehnt sich das Sammeln von Informationen noch weiter aus – und erfasst unsere Welt offline. Doch zurück zu Mail.
Was ich nicht wusste, und das hat im Video unten endlich einmal jemand aufgezeigt: Gmail speichert auch Entwürfe, die letztlich niemals abgeschickt werden und wertet sie aus. Diese Entwürfe tauchen in keinem Ordner auf und sind auch nicht, wie sonst bei Gmail üblich, als Entwurf innerhalb einer Konversation markiert. Google, so nicht!
Das also war meine Motivation für einen Wechsel zum lokal installierten Programm. Fürs Verfassen von Artikeln auf dieser Seite verwende ich ja auch schon seit langer Zeit MarsEdit, warum also nicht auch bei E-Mails das tun, was eigentlich normal wäre.
Apple Mail
Da Apples Mailprogramm sowieso auf jedem System vorinstalliert ist und ich die Portierbarkeit der Benutzererfahrung von Thunderbird nicht brauche, probiere ich es aus. Viel Gutes, muss ich gestehen, habe ich über Apples Mailprogramm zwar nicht gehört, aber gelesen. Die Probleme, die manche offenbar damit haben, liegen wohl eher in der sehr mac-spezifischen Bedienung, nicht aber am Programm selbst. Die gröbsten Fehler der Vergangenheit, sind mit der neuesten Version ausgemerzt.
Meine größte Sorge liegt in der Spamfilterung. Gmails Spamfilter ist wohl einer der besten, die es überhaupt gibt, wie also sieht es mit dem von Mail aus? Der Spamfilter soll, besonders in Kombination mit am Server liegenden Spamfiltern ziemlich gut funktionieren, wirklich negative Berichte gibt es kaum. Hat man Probleme mit bestimmten Nachrichten, kann man ja noch immer eine Nachrichtenregel erstellen.
Gmail-Funktionalität in Apple Mail
Konversationen
Gmail bietet etwas, das mir bei Apples Mailprogramm immer gefehlt hat: Die Zusammenfassung von gesendeten und empfangenen E-Mails in Konversationen, in denen man einen kompletten Überblick über den gesamten Gesprächsverlauf hat. Zuerst dachte ich, dass das in Mail nur über “intelligente Postfächer” möglich wäre, doch weit gefehlt, es ist viel einfacher als man denkt:
- Unter Darstellung markiert man einmalig die Option “Nach E-Mail-Verlauf sortieren”.
- Bei den Postfächern links in der Übersicht wählt man nicht nur den Posteingang, sondern mit gedrückter CMD-Taste auch dem Ordner “Gesendet”.
Voila, empfangene und gesendete Nachrichten einer Konversation werden gruppiert angezeigt!
Archivierung
Apple Mail bietet von Haus aus keine Möglichkeit, gelesene Nachrichten zu archivieren, sie also nicht zu löschen, aber trotzdem aus dem Posteingang zu entfernen. Mit einem kleinen Applescript geht das allerdings ganz leicht.
John Gruber hat das ursprüngliche Script “Simple Inbox Archiving Script for Apple Mail” erstellt, ich habe es um eine kleine Abfrage für Gmail erweitert, da Gmail keinen Ordner “Archiv” besitzt, sondern, zumindest in der deutschen Version, nur einen Ordner “Alle Nachrichten”: Wenn es ein IMAP-Konto “Gmail” gibt, versucht das Script gelesene und nicht markierte E-Mails nicht in den Ordner “Archiv”, sondern in den Ordner [Gmail]/Alle Nachrichten zu verschieben. Für alle anderen IMAP-Konten ist ein Ordner “Archiv” erforderlich.
Hier das Script (und hier auf Pastebin):
set _description to "Alle nicht markierten und gelesenen Nachrichten einer IMAP-Inbox werden in den Ordner 'Archiv' auf dem jeweiligen Server verschoben."
tell application "Mail"
display alert "Archivieren?" buttons {"Abbruch", "Archivieren"} cancel button 1 message _description
repeat with _acct in imap accounts
set _acct_name to name of _acct
set _inbox to _acct's mailbox "INBOX"
try
if (_acct_name is "Gmail") then
set _archive_box to _acct's mailbox "[Gmail]/Alle Nachrichten"
else
set _archive_box to _acct's mailbox "Archiv"
end if
on error
display alert "Kein Archiv-Ordner für das Konto '" & _acct_name & "' gefunden. Sie müssen zuerst einen IMAP-Ordner namens 'Archiv' erstellen!"
return -- Stop the script
end try
set _msg_list to (every message of _inbox whose flagged status is false and read status is true)
if (_msg_list's length > 0) then
move _msg_list to _archive_box
end if
end repeat
end tell
Den Code kopiert man in den AppleScript-Editor und speichert das ganze (am besten am Schreibtisch) folgendermaßen ab: Ablage > Sichern unter… > Dateiname eingeben, eventuell “Archivieren”. Dateiformat: Programm. Hackerl bei Startdialog entfernen > Sichern. Mit dieser Option kann man in weitere Folge bei übervoller Mailbox auf “Archivieren” klicken und das Skript erledigt die Archivierung!
Das vorweg zu meinem Apple-Mail-Experiment, das hoffentlich klappen wird. Diesen Artikel werde ich von Zeit zu Zeit ergänzen oder darin Fehler ausbessern, er ist also in andauerndem Wandel!
ich muss deinen beitrag noch fertig lesen. also, ich muss ihn überhaupt noch lesen. (und ich kann jetzt nur hoffen, dass die frage nicht eh, also eh beantwortet wär, hätt ich weiter gelesen. und ausserdem.)
aber:
70000 emails! 70000? wirklich wahr. (oder war das das mir in meiner heutigen müdigkeit verborgen gebliebene synonym für viel einfach?) 70000?
so. genug. ein lieber gruss, christian
Richtig gelesen. Und der Wert kommt ganz leicht zusammen – und dabei wird mir wieder Angst und Bange, wenn ich bedenke, woher die meisten E-Mails kommen:
Diverse Firmenkonten liefern insgesamt knapp 15000 E-Mails. Das meiste davon ist natürlich Müll, E-Mails wie “Arbeitsablauf fertiggestellt” kann ich ja eigentlich gleich wieder löschen…
Das Gmail-Konto – und jetzt bitte festhalten! – enthält knapp 9000 Konversationen, die, unterschiedlich natürlich, bis zu 30 Mails enthalten (mein Rekord liegt bei 128 Hin- und Her-Mails in einer Konversation) – daher kommt der Löwenanteil!
Und dann gibt es noch ein paar Konten wie Yahoo und GMX, die ich zwar habe, aber nur mehr von Zeit zu Zeit prüfe, die zusammen etwa 900 E-Mails beinhalten.
Der Wert klingt dramatisch und ja, ich muss das alles mal importieren, aber ich werde sicherlich bis zu einem Drittel wieder löschen können: Flickr-Kontakt hinzugefügt, Arbeitsablauf abgeschlossen, Spamhinweise für die Domain 3th.be, oder andere, Rechnungen von allen möglichen Firmen… das sind nicht gerade Mails, die man normalerweise aufhebt. Aber allein die Masse an E-Mails, die bei Google liegt, macht es für jeden Google-Mitarbeiter möglich, mir mein Lieblingsessen zu bringen ohne jemals mit mir ein Wort gewechselt zu haben. Und das ist eben erschreckend!
[...] beeindruckt? Michael Kalina aus Wien schon. Gmail speichert auch Entwürfe, die letztlich niemals abgeschickt werden und wertet [...]