Facebook. Was habe ich nicht schon alles darüber geschrieben. Seit Samstag, irgendwann sehr früh in der Früh, kann man bei Facebook vanity URLs für sein eigenes Profil anlegen, eine Funktion, die Douglas Rushkoff als den Anfang vom Ende von Facebook bezeichnet. Vanity-URLs sind, kurz erklärt, facebook.com/vorname.nachname anstelle von facebook.com/profile.php?id=500094561. So einen Benutzernamen wollte ich haben. Und deshalb habe ich mich bei Facebook registriert. Und weil ich das schon mal vor ein paar Jahren gemacht habe und das Konto nur stillgelegt wurde, musste ich die 31. Mai/15:00 Uhr-Sperre nicht abwarten.
Konto aktiviert, Vanity-URL gesichert, friendship requests beantwortet und selbst neue beantragt. Mittendrin dann die Nachricht „Slow down or you‘ll hit a block!“. Nach ein paar dieser Nachrichten habe ich aufgehört, weitere Menschen zu meinen friends zu machen und habe mir die Seite gut angesehen. Auf den Punkt gebracht: Twitter, Flickr und Youtube, aber hinter einem Login und mit echten Namen. Die Frage, die sich mir sofort aufgedrängt hat: Das ist es? Daran können sich 200 Millionen Menschen begeistern? Wow!
Bevor ich jedoch über die Antwort zu meiner Frage nachdenken konnte, wurde auf der Seite rechts unten ein Chat angezeigt: Lade ein Benutzerbild hoch! Währenddessen eine neue Nachricht im Facebook-Posteingang: Lockere deine Datenschutzeinstellungen, man kann ja nichts sehen! Meine Einstiegserfahrung zum Thema Facebook ist mit der von Götz Hamann deckungsgleich:
An diesem ersten Tag lasse ich noch viele Felder frei: Stehe ich auf Frauen oder Männer? Was denke ich politisch? Glaube ich an Gott? Habe ich eine Beziehung? Meine Handynummer und meine Adresse soll auch niemand erfahren! Aber jedes Mal keimt die stille Frage, ob das in Ordnung ist. Oder verstoße ich gegen eine ungeschriebene Etikette und werde Außenseiter sein, sobald ich den ersten Kontakt zu jemandem suche? (…) Soziale Netzwerke im Internet kann man ablehnen, aber nicht mehr ignorieren, weil so viele Menschen nun einmal mit Hilfe der Netzwerke ihre Beziehungen pflegen.
Facebook trägt aber auch durch gezieltes Nerven dazu bei, sich datentechnisch immer mehr zu entblößen: Jedes Mal, wenn ich meine Profilseite besucht habe, wurde ich danach gefragt, ob das für mich geltende Possessivpronomen „sein“ oder „ihr“ sei – bis zu dem Zeitpunkt als ich in meinen Profileigenschaften mein Geschlecht deklariert habe. Dann war zwar damit Schluss, doch schon wurde ich wieder genervt: Ob ich nicht meine Gmail-Kontakte importieren und aus den darin gespeicherten E-Mail-Adressen einige friendship requests erstellen wolle? Wohl eher nicht!
Tag 1 auf Facebook: Gemischte Gefühle und Verwunderung.
Dieser Artikel ist Teil einer Serie über Facebook.









Sonntagsarabesken #143
Wie bewegt sich die Erinnerung? Fließt sie in langsamen Bahnen bergab, ruhig und bedächtig aber zugleich drohend und tödlich wie ein Lavastrom? Oder bahnt sie sich ihren Weg von unten durch die sedimentierte Lebenskruste einer Existenz, deren Oberfläche sich zu keinem Zeitpunkt wirklich zu festigen vermag? Auf den Abschweifungen in das Spiegelkabinett der vergangenen Zeit begegnen wir beiden, den fließenden und den steigenden Erinnerungen, und lukrative Pflicht der Therapeuten ist es, uns davon zu befreien. So ist es möglich, dass man im selben Moment einem kurzen, aber heftigen Sommergewitter beiwohnt und doch zugleich in einem Hauseingang der Altstadt von Salamanca die Zeit verliert. Dass geplatzte Orangen in den Rinnstein rollen, sich beinahe schwebende Tanzschritte über die Viale Bruno Buozzi schlängeln und zwei grüne Augen in einer roten Wiener Winternacht den Himmel auf Erden versprechen. Dass eine Zugfahrt uns über die österreichische Grenze nach Norden trägt, während ein zweiter, nach Süden strebender Zug, uns das Zittern der Zeit auf dem Weg an den Golf von Neapel spüren läßt. All diese Augenblicke, Orte und Bewegungen existieren zugleich und neben- und miteinander. Ebenso wie die Gestalt der an einen Zaun gelehnten jungen Frau, die im Regen stehend auf etwas oder jemanden wartet, im Schatten der Gewitterwolken wie auch auf dem Papier der Bleistiftzeichnung oder in den Absätzen des niemals auf Papier gebrachten Textes. Wie die Wetterlage über Adria und Schwarzem Meer ist all dies sowohl in bestimmten Formen geschehen und festgehalten, als auch durch die Möglichkeit unendlich vieler Variationen und chromatischer Abweichungen für alle Ewigkeit in unsere gemeinsame Sprache und unsere gemeinsamen Vorstellungsbilder eingeschrieben. Die Vielfalt, der Reichtum des Erinnerns, des individuellen wie kollektiven Nicht-Vergessen-Könnens, kann nur als überwältigend, bedrohlich und potenziell lebensgefährlich schmerzhaft bezeichnet werden. Sie ist der Felsbrocken, den wir stetig und immer wieder hangaufwärts wälzen, das ist die Musik, die unser Leben begleitet. Das Vielfache der Träume sind die Wahrheiten, die sich nach dem Erleben in den Strudel der Bilder, Gerüche, Geräusche und Gefühle reihen. Als stumme Gäste der in dieser Welt zu verlebenden Zeit.